Ohne zu übertreiben: Es gibt nicht wenige Rapper, die mit einer "Best Of"-CD kaum die Qualität erreichen würden, die Tua schon auf seinem Debütalbum abliefert.
Kennt man Tuas heutige Werke, dann hört man "Nacht" zwar eindeutig an, dass es aus der Anfangszeit des damals 19 Jahre alten Künstlers stammt. Mit dem, was er jetzt an Kunstwerken hervorbringt, ist das hier überhaupt nicht zu vergleichen. Das ist andererseits auch gut so, zeigt es doch, dass er sich seitdem erneut deutlich weiterentwickelt hat. Auf "Nacht" ist noch nicht, so wie heute, jeder Track ein in sich stimmiges Kunstwerk - es enthält sogar noch reinen Battlerap, von dem sich Tua auf seinen Soloprojekten mittlerweile praktisch verabschiedet hat. Die Texte schweifen stellenweise etwas ab, die Instrumentals fangen nicht immer perfekt die Atmosphäre des Songs ein; das Album ist stilistisch anders als Tuas heutige Musik größtenteils nur etwas für Hip-Hop-Fans - aber das sind Luxusprobleme. Die Liste der Vorzüge des Albums ist deutlich länger:
Von der reinen Raptechnik her erreicht Tua bereits auf diesem Album ein unglaubliches Niveau. Der Flow ist nah an der Perfektion und wird oft variiert (wobei Tua eine Vorlieben für Triolen zu haben scheint); rhythmisch besonders ungewöhnlich ist "Filme". Auch an sehr schnellen und anspruchsvollen Doubletimes mangelt es nicht. Dass er diese beherrscht, zeigt Tua auf "Nacht" sogar deutlich häufiger als auf seinen späteren Alben. Zwar verzichtet er dafür, wie gesagt, manchmal auf tiefgehenden Inhalt, aber bei so irrsinnigen schnellen Parts wie auf "Nichego" muss einem einfach der Kinnladen runterfallen.
Das Album behandelt eine recht große Themenbreite, und Tua ist als Poet genauso begnadet wie als Battlerapper. Die tiefsinnigen Texte zeigen eine beachtliche Reflektionsebene und Formulierungskunst.
Musikalisch erinnert das Album bereits an den typischen Stil, den Tua selbst heute als "Tua-Musik" bezeichnet und den man annähernd beschreiben könnte als eine Mischung aus Gänsehaut, Eigenartigkeit und Detailverliebtheit.
Nur wenige Songs auf dem Album laufen nach Schema F. Positiv hervorheben möchte ich erstens "Nichego", eine sehr selbstbewusste und bitterböse Abrechnung mit dem verlogenen Gangsterrap, der in Deutschland in Mode gekommen ist - den Chorus bildet ein schmalziges Schlagersample (!), das in diesem Zusammenhang herrlich sarkastisch daherkommt. Zweitens "Krieg", ein Track über das Problem, dass manche Jugendliche buchstäblich nichts Besseres zu tun haben, als sich zu prügeln und dabei Menschen ernsthaft zu verletzen - Tua war in solche Banden verwickelt, der Song kann einen nicht kalt lassen; das Thema wird auch in anderen Tracks angeschnitten. Drittens "5 Sekunden", ein berührender Song mit eigenartigem, aber überzeugenden formalen Aufbau. Der Sänger Vasee, mit dem Tua schon lange zusammenarbeitet, entpuppt sich dabei mal wieder als Traum von einem Feature.
Alles in allem ist das Album ein Juwel, das sich kein Fan authentischen deutschen Hip-Hops entgehen lassen sollte. Im Nachhinein ist es kaum zu glauben, dass Tua sich nach so einem beeindruckenden Debüt noch merklich steigern konnte.