Matthias Goerne nimmt für Harmonia Mundi richtige Konzertprogramme auf. Dabei kombiniert er geschickt Evergreens mit weniger bekannten Preziosen aus Schuberts Liederkosmos. Die Auswahl auf dieser CD kreist um die Themen Nacht und Tod. Angesichts der kurzen Dauer der CD (60'40) wünscht man sich, die Nachthymne nach einem Text von Novalis D.687 wäre dazugekommen.
Goerne interpretiert die Lieder musikalisch. Aufgrund seines erstaunlichen Stimmaterials hat er es nicht nötig, zu histrionischen Mätzchen Zuflucht zu nehmen. Nicht, daß er am Text vorbeisänge, sondern er trifft dessen Aussage mit musikalischen Mitteln (dynamische Wechsel, Stimmfärbung, messa di voce, einfühlsames Rubato ...), was Schuberts Ideal der Liedinterpretation, wie es uns durch Leopold Sonnleithners Bemerkungen überliefert ist, ziemlich nahe kommt. Großartig gelingt es ihm in "Totengräbers Heimwehe", das, nicht zuletzt dank Alexander Schmalcz' vortrefflichen Klavierspiels, zu symphonischer Größe kommt.
Schmalcz versteht es nämlich, auf seinem Instrument wie auf einer Orgel zu registrieren und so die volle Polyphonie der Liederbegleitungen differenziert zu durchleuchten, so daß das Klavier auch, selbst in strophischen Liedern und gerade in diesen, an der Dramaturgie teilnimmt.
Goernes Gesangslinie mischt sich perfekt in diese Polyphonie, zumal er die Gratwanderung schafft, de Stimme instrumental zu führen, ohne die Deklamation zu vernachlässigen. Einzeln könnte man bemängeln, daß er Doppelkonsonanten (schaRRe zu, SilberfliMMer ...) zu reduzieren tendiert und leider auch einige Endkonsonanten verschluckt.
Von der musikalischen Seite her wünschte man sich, daß er einige in der Partitur vorhandenen Verzierungen, etwa im "blinden Knaben" oder in Shakespeares Ständchen, wahrnimmt. Was dieses Lied betrifft, so paßt auch die nachdenklich-düstere Optik, die in diesem Programm vorherrscht, am wenigsten. Am anderen Ende der Tessitura hat
Kathleen Battle gezeigt, was an Frische und Frechheit darin stecken kann (sie braucht einige Sekunden weniger als Goerne, dafür aber singt sie Shakespeares originale Strophe auf Englisch dazu). Ähnliches gilt für den "Greisengesang". Hier ist
Florian Boesch differenzierter und trifft die Aussage des Liedes dabei besser.
Ein bißchen enttäuscht war ich auch von "Die Sommernacht" D289, wo Goerne und Schmalcz doch die besten Voraussetzungen bringen: ein störendes Atemholen (das Grab || meiner Geliebten) trübt die Stimmung. Dazu wurde die erste Version des Liedes gewählt. Die zweite ist beinahe identisch, nur hat Schubert einen Takt gestrichen und das Weglassen der Wiederholung von "ich genoß es einst mit euch" war ein richtiger Einfall.
Das sind alles nur Kritiken auf höchstem Niveau. Selten trifft man CDs, die ein durchdachtes Programm so engagiert und stimmig darbieten. Mit Goernes Anthologie baut sich langsam ein Meilenstein der Schubert-Rezeption auf.