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Nacht der Stachelschweine
 
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Nacht der Stachelschweine [Taschenbuch]

Felicitas Mayall
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (30 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

„Ohne diesen Krimi ist die Toskana – und jeder Traum von ihr – nur halb so schön.“ (Brigitte) Die Gruppe, die sich im alten Kloster von Montelcano einquartiert hat, wird von den Dorfbewohnern argwöhnisch beobachtet. Schließlich gehören deutsche Touristen an den Strand oder vor kunsthistorisch bedeutsame Gebäude, doch diese acht Urlauber aus München suchen Ruhe, Besinnung und Selbsterfahrung. Deswegen sind sie hierher gekommen, in die flirrende Hite der Toskana, doch mit der Ruhe ist es schnell vorbei. Denn die junge Carolin wird in einem nahen Waldstück tot aufgefunden. „Elegant geschrieben und klug konstruiert.“ (Der Spiegel)

Über den Autor

Bevor Felicitas Mayall sich ganz der Schriftstellerei widmete, arbeitete sie als Journalistin bei der „Süddeutschen Zeitung“. Wenn sie nicht gerade in Italien für ihre Geschichten recherchiert oder mit ihrem Ehemann Paul durch dessen australische Heimat wandert, ist sie in ihrem Haus in der Nähe von München anzutreffen. Nachtgefieder ist der siebte Band in der erfolgreichen Krimiserie um die Münchner Kommissarin Laura Gottberg.

Auszug aus Nacht der Stachelschweine von Felicitas Mayall. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Der Wald war ein Dschungel. Jedenfalls kam er Giuseppe Rana so vor, obwohl er ihn seit seiner Kindheit genau kannte. Brombeerranken, Efeu und andere Kletterpflanzen versperrten den Weg, verhakten sich in seinem Pullover, wanden sich um seine Beine. Immer wieder musste er anhalten, die stacheligen Äste lösen, behutsam allerdings, denn er durfte keinen Lärm machen. Lärm war gefährlich. Er könnte gehört werden. Man konnte immer gehört werden - überall. Auch das kannte er seit seiner Kindheit. Giuseppe Rana kroch langsam voran, folgte dem kaum sichtbaren Pfad der Stachelschweine, zuckte zusammen, als ein Vogel mit harten Flügelschlägen knapp einen Meter vor ihm aufflatterte, erstickte, kehlige Schreckensschreie ausstoßend.
Nur ein Fasan. Ist ja nur ein Fasan, beruhigte er sich und robbte weiter. Mondlicht drang durch das dichte Laub der Steineichen und Edelkastanien. Winzige helle Speere, die den Dschungel in Streifen schnitten, hier einen Ast sichtbar machten, dort ein paar Blätter.
Giuseppe achtete kaum darauf, als sein Arm von Dornen zerkratzt wurde. Er hatte es eilig, musste noch einmal sehen, was er am Abend zuvor gesehen hatte. Musste sicher sein, dass es da war. Er war sich nicht immer sicher. Manchmal träumte er seltsame Dinge, obwohl er wach war. Niemand wusste davon. Nur die Mutter vielleicht. Oft sah sie ihn so seltsam an und schüttelte dann den Kopf. Er hasste es, wenn sie ihn so ansah.
Als er endlich das ausgewaschene Bachbett erreichte, ging sein Atem schneller, und er richtete sich auf. Nur ein paar Tümpel waren von dem mächtigen Fluss zurückgeblieben, der im Frühjahr das Erdreich weggerissen hatte. Lange her. Seit zwei Monaten war kaum ein Tropfen Regen gefallen.
Giuseppe bewegte sich langsamer. Hier musste es sein. Zwischen den kräftigen Wurzeln, die das Wasser im Frühjahr bloßgelegt hatte. Feuchter Sand knirschte unter seinen Stiefeln. Er beugte sich ein wenig nach vorn, um mit den Augen einem Mondstrahl folgen zu können, der seinen Weg bis in die schwarze Höhlung hinter den Wurzeln gefunden hatte, zuckte zurück. Es war da! Giuseppe schloss die Augen und schluckte schwer. Seine Kehle war trocken, schmerzte. Ganz langsam sank er wieder zu Boden, kniete endlich im Sand und flüsterte Worte vor sich hin, deren Sinn er selbst nicht verstand. Dann, ganz langsam, öffnete er wieder seine Augen und starrte auf das Gesicht, das von dem einsamen Mondstrahl beleuchtet wurde. Ein sehr weißes Gesicht. Die Frau, der es gehörte, starrte ihn ebenfalls an. Aber eigentlich starrte sie an ihm vorbei.
Erschrocken drehte er sich um. Hinter ihm gab es nur die schwarze Wand des Waldes. Wohin starrte sie nur? Vorsichtig kroch er näher an die Wurzelhöhle heran. Nichts rührte sich. So war es auch gestern Abend - oder war es vorgestern gewesen? Giuseppe wusste es nicht, aber das kannte er auch. Er hatte kein Gefühl für Zeit.
Jetzt war er so nah bei der stillen Frau, dass er sie berühren konnte. Er hatte noch nie eine Frau berührt. Und da war dieses Verlangen in ihm, das von seinen Lenden aufstieg, wenn er Frauen sah. Daher starrte er sie immerzu an, die Frauen. Viele wurden böse, wenn er das tat. Schrien ihn an und beschwerten sich bei seiner Mutter. Deshalb machte er es nur noch heimlich.
Jetzt hob er seine rechte Hand und näherte sie der Frau. Ihr Körper lag seltsam steif da, halb auf der Seite. Sie hatte Hosen an und eine helle Bluse, das konnte er jetzt deutlich erkennen. Sie schrie ihn nicht an, als er seine Hand auf ihr Bein legte. Wieder ging sein Atem schneller. Er zwängte sich zwischen den Wurzeln hindurch, befühlte ihre Hüften, fiel auf sie. Ihr Kopf kippte zur Seite, und im selben Augenblick spürte er die Kälte, die von ihr ausging, feuchte, eisige Kälte. Sein Körper erstarrte vor Entsetzen, denn auch diese Kälte kannte er. Von toten Rindern und Schafen. Er wollte von ihr weg, doch sein Pullover hatte sich in einer Wurzel verfangen, eine andere zerkratzte sein Gesicht. Und während er heftig zerrte, streiften seine Hände ihre Brüste. Da blieb er liegen, tastete verstohlen über dieses weiche kalte Fleisch und hielt es fest, Schweiß lief über seine Schläfen. So verharrte er ein paar Minuten, bewegungslos wie die Frau unter ihm, und spürte das Pochen seines Geschlechts.
Erst das Schniefen und Quieken der Stachelschweine weckte ihn aus seiner seligen Erstarrung. Sie mussten ganz nah sein, suhlten sich vermutlich im feuchten Sand. Und dann nahm er wahr, dass der Morgen dämmerte, riss sich los - von der stillen Frau und den schwarzen Wurzeln -, taumelte aus der Höhle, durchs Bachbett und stürzte sich wieder in den Dschungel aus Dornen und Büschen. Die Stachelschweine stoben davon, und ihre Schreckenslaute, die dem Weinen kleiner Kinder glichen, begleiteten ihn auf seiner Flucht.
Später, als die Sonne aufging und er die Felder in der Nähe des Hofs seiner Mutter erreicht hatte, setzte er sich auf einen riesigen harten Erdbrocken und stützte den Kopf in die Hände. Er wusste nicht, was mit der Frau passiert war. Wusste nicht, ob es etwas mit ihm zu tun hatte. (...)
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