Aus diesen Elementen mixt Felicitas Mayall einen ungewöhnlichen Krimi. Im Zentrum steht ein Milieu, über das es viele Ansichten gibt und etwas weniger Kenntnisse.
„Muss man erlebt haben, sonst kann man nicht urteilen!" „Nicht für tausend Euro würde ich mir das antun, so einen Psycholaberquatsch!" Über den Nutzen von Selbsterfahrungsgruppen gehen die Meinungen auseinander.
Wie schreibt man einen Roman zum Thema? Einfach wäre es, eine Gruppe von Esoterikspinnern samt durchgeknalltem Energietherapeuten zur Selbsterfahrung- wohin auch sonst? - in die Toskana zu schicken. Eine unerschöpfliche Quelle allerköstlichsten Schenkelklopfhumors. Schwieriger schon, statt bourgeoise Erwartungen zu erfüllen, eine Gruppe darzustellen, wie sie tatsächlich sein könnte: mit sanftmütigen und etwas aggressiveren Teilnehmern. Mit einer Therapeutin, die ihre Arbeit liebt und die sie zugleich verflucht. Mit Momenten, in denen die künstliche Situation echte Gefühle ermöglicht, und solchen, in denen sie die Neurosen füttert- bei denen vor allem, die eine Bühne brauchen für ihre Selbstdarstellung. Geschähe in einer solchen Gruppe ein Mord und gerieten die Teilnehmer unter Verdacht, dann bräuchte es eine talentierte Autorin, um die absehbaren Krisen so zu schildern, dass die Akteure Menschen blieben statt Zielscheiben zu werden für billige Häme. Felicitas Mayall ist diese Autorin.
In ihrem ersten Roman, „Nacht der Stachelschweine", stößt die italienische Polizei, in Gestalt des Commissario Angelo Guerrini („kriegerischer Engel"), an ihre Sprach- und Empathiegrenzen. Hilfe kommt aus München: Kommissarin Laura Gottberg, genervt von diversen Männern- Chef, Vater, Exmann- ist nicht unglücklich, dass sie ins Land ihrer Mutter geschickt wird. Sie, die ebenfalls therapieerfahrene, ist es, aus deren kritisch-einfühlender Sicht wir die Therapiegruppe zuvorderst erleben; zudem erblicken wir sie durch die Augen der Gruppenleiterin, der Landbevölkerung, der italienischen Polizisten. Das Bild wird plastisch, changierend zwischen Grausen und Faszination.
In diesem Roman ist die Liebe nicht weniger wichtig als der Tod. Man kennt das: Sex sells, deshalb wird dem Helden mit einigen routinierten Zeilen eine nymphomane Blondine ins Bett gelegt, oder die Heldin trifft den geheimnisumwitterten Mann mit dem markanten Aftershave. Hier nicht. Die Liebesgeschichte überzeugt, weil sie den Raum hat, sich zu entfalten. Laura Gottberg strotzt nicht vor Originalität und interessanten Macken wie ihr polyneurotischer Münchener Kollege Tabor Süden (in den Romanen von Friedrich Ani); dafür ist sie sympathischer und verführt den Leser zu der Form von Intensividentifikation, die den nicht Germanistik oder Literaturgeschichte studiert habenden Leser zum Lesesüchtigen macht.
Hervorheben will ich die Passagen, die das innere Erleben eines geistig Behinderten schildern: in dieser Weise sich einzufinden in eine fremde Vorstellungswelt- das gelingt nicht so vielen. Der Stil ist ungekünstelt und leicht, an keiner Stelle hört man das Knarren der Mechanik. Manche Sätze scheinen sanft zu schimmern: „Irgendwann begann Giuseppe wieder zu singen. Laura und Guerrini sangen mit ihm. Warmer Wind bewegte die Zweige des Olivenbaums, und Laura wünschte, dass sie für immer auf diesem Hügel bleiben könnte, frei, singend, und ein klein wenig betrunken."
Nicht alles ist perfekt: die mühsam konstruierte Verbindung zweier Fälle überzeugt nicht. Das hätte man lassen können. Warum sollten es die Ermittler nicht mit zwei oder mehr getrennten Fällen zu tun haben? Der Spannung schadet es nicht, das sieht man zum Beispiel bei Robert van Gulik oder Sjöwahl/ Wahlöö.
Zuviel Lob? Ich denke nicht. Dieser Roman ist ein gutes Beispiel für eine Entwicklung: seit ein paar Jahren gibt es in diesem Land tatsächlich Menschen, die Krimis schreiben können! Doch, wirklich! Wenn man gewisse internationale Bestseller dagegen hält, etwa die letzten zwei oder drei Mankells oder die blaublütig-anämischen Elaborate einer Martha Grimes, wird schlagend deutlich, dass sich die deutsche Kriminalliteratur nicht mehr verstecken muss! Bleibt zu hoffen, dass die Leser es bemerken. In den Bestsellerlisten sind es immer noch die Übersetzungen, die ganz oben stehen. Noch. Hat viel zu tun mit Reklame, mit Vorurteilen wohl auch, wenig mit Können. Wer die Behauptung überprüfen will: Mayall macht Werbung für den deutschen Krimi.