Lissabon im Jahre 1942. Ein Passagierdampfer, der eine Arche ist. Ein namenloser Ich-Erzähler steht nachts am Kai und beobachtet dieses Schiff, das denen Rettung verspricht, die über ein Visa sowie das notwendige Fahrgeld verfügen. Ein Mann nähert sich, der ihm zwei Fahrkarten unter der Bedingung anbietet, dass sie diese eine Nacht zusammen verbringen. Seine Frau ist gestorben und er will seine Geschichte jemandem erzählen.
Die Geschichte des Mannes, der sich Schwarz nennt. Es ist nicht sein richtiger Name. Er hat ihn im Frühjahr 1939 von einem Österreicher erhalten, einem anderen Emigranten, der ihm seinen Pass und wertvolle Zeichnungen hinterlassen hat. Der Verkauf von zwei Bildern gibt ihm die finanziellen Mittel, die neue Identität gibt ihm ein neues Lebensgefühl und somit die Möglichkeit sein Verhalten zu ändern. Schwarz wagt sich nach fünf Jahren im Exil nach Osnabrück zurück, um seine Frau zu sehen. Warum er sie sehen will? Er will es ihr nicht erklären, sagt er habe es vergessen. Sie aber weiß genau, dass sie mit ihm gehen will. Die Beiden treffen sich in Zürich wieder, gehen ins Tessin nach Ronco/Ascona, weiter nach Paris, werden interniert, entkommen, um irgendwann in Lissabon einzutreffen. Der größte Teil des Buches handelt von dieser Zeit im Exil. Gejagt von dem Bruder seiner Frau, derselbe, der ihn einst denunziert hat, ein überzeugter Anhänger des deutschen Regimes.
Es gibt eine ganze Reihe von Übereinstimmungen mit dem realen Leben von Erich Maria Remarque. Das Geburtsdatum im Pass von Josef Schwarz: der 22. Juni 1898. Die Heimatstadt Osnabrück. Auch Remarque hat Deutschland 1933 verlassen, lebte in der Schweiz (Ronco/Ascona) und in Frankreich, später dann in Amerika. Das Leben Remarques war aber sicher einfacher. Ein bekannter Name und sein Vermögen haben ihm geholfen Hürden zu nehmen, die für andere Flüchtlinge zu hoch waren. Als Remarque 1938 ausgebürgert wird, sieht er die Vorteile, zum Beispiel, dass man beim nächsten Krieg nicht interniert wird. Vereinfacht wird ihm diese Einstellung durch den panamaischen Pass, den er 1937 erworben hat. Dennoch ist ihm die Beschreibung des Exils hervorragend gelungen. Die Odyssee der Flüchtlinge, der tägliche Existenzkampf, die Wurzellosigkeit, das Leiden ... Remarque erzählt nüchtern und realitätsnah ohne ins Sentimentale abzugleiten.
Dabei reiht sich die NACHT VON LISSABON, der letzte vollendete Roman Remarques, in eine Kette von Exil-Romanen ein.
Liebe Deinen Nächsten, ein Roman, der in den Jahren 1936/37 spielt. Danach
Arc de Triomphe, Ende 1938 bis zum Kriegsbeginn 1939. Die NACHT VON LISSABON, 1939-1942. Ein weiteres unvollendetes Buch, welches unmittelbar anschließt, wird von seiner Witwe Paulette Goddard unter dem Titel
Schatten im Paradies veröffentlicht. Es zeigt das Leben eines Flüchtlings in Amerika, dem gelobten Land.
"Die Möglichkeit zum Selbstmord ist eine Gnade, deren man sich nur selten bewusst wird. Sie gibt einem die Illusion des freien Willens. Und wahrscheinlich begehen wir mehr Selbstmorde, als wir jemals ahnen. Wir wissen es nur nicht." (S. 70) Worauf der Mann, der sich Schwarz nennt, erwidert, dass die Erkenntnis eines solchen Selbstmordes auch die Fähigkeit impliziert, von den Toten aufzuerstehen, frei von den "Geschwüren" der Vergangenheit ein neues Leben zu beginnen. Diese Möglichkeit eines unbelasteten Neuanfangs bietet auch eine neue Identität. Ein neuer Pass, ein neuer Name, die Möglichkeit sein Verhalten zu ändern. Nicht nur die Möglichkeit nach Deutschland zurückzukehren oder in das gelobte Land Amerika, über die geerbten Zeichnungen entwickelt der Mann, der sich Schwarz nennt, auch ein Interesse für die Kunst.
Eine Grundhaltung Remarques wird am Schluss des Buches deutlich - S P O I L E R W A R N U N G A N F A N G - auch ein Mensch, der sich am Abgrund bewegt, soll nicht aufgeben. Nachdem Schwarz Pässe und Fahrkarten dem Ich-Erzähler übergeben hat, erfährt der Leser, dass er ein weiteres Mal seine Identität wechseln will. Nach dem Tod seiner Frau beabsichtigt er in die Fremdenlegion einzutreten: es wäre ein Verbrechen ein Leben mit Selbstmord zu verschwenden, das man gegen Barbaren einsetzen kann. Wilhelm von Sternburg schreibt hierzu in seiner Remarque-Biografie
Als wäre alles das letzte Mal auf Seite 256: "Verloren ist erst der, der sich aufgibt, ..." S P O I L E R W A R N U N G E N D E
Mein Fazit:
Remarque gelingt es scheinbar mühelos den Leser in eine andere Zeit zu entführen, eine Zeit, in der das tägliche Überleben nicht gesichert war. Er beschreibt aber nicht nur den Existenzkampf der Flüchtlinge, der rote Faden in diesem Buch ist eine Liebesgeschichte im Schatten des Todes. Man kennt den Ausgang und dennoch geht die Spannung zumindest meiner Meinung nach zu keinem Zeitpunkt verloren. Eine Geschichte vom Glück und vom Tod, die trotz des tragischen Endes einen Hoffnungsschimmer beinhaltet.
Empfehlenswert!
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Falls jemand die Zitate nachlesen will:
Basis für diese Rezension ist die Bertelsmann-Ausgabe, Buch-Nr. 00200 6.