Schreiben kann er ja. Aber das muss auch unbedingt jeder mitbekommen. Für meinen Geschmack ist Greer's Stil etwas überladen mit Metaphern und leicht gewollt poetischen Analogien. Und davon mindestens drei auf jeder Seite. Selbst banalste Dinge werden gekonnt wortreich verschlüsselt. Nicht dass dies platt oder billig wäre (kein Zweifel: Der Mann kann das sehr gut) -- es ist einfach etwas anstrengend. Bei so viel Variation kommt man irgendwie selten in einen Rhythmus hinein.
Dennoch habe ich mich öfters dabei ertappt, eine Seite zurückgeblättert und die letzten Absätze noch einmal gelesen zu haben, weil sie so schön waren!
Wenn das Fehlen jeglicher Handlung ein Zeichen für "große Literatur" ist, dann ist dieses Buch eine Leistung. Es ist zwar nicht so, dass das Figurenensemble, welches hier über ein ganzes Leben hinweg liebevoll beobachtet wird, nichts erlebt hätte und der Leser nichts davon erfahren würde. Schade ist nur leider, dass man nichts davon direkt miterlebt! Alles wird aus großer Distanz, rückblickend aus kleinen Häppchen zusammengepuzzelt, so dass man nie einer Entscheidung beiwohnt in dem Moment, wo sie fällt. Alles wird gebrochen, reflektiert und sofort gedeutet (Man muss dem Autor allerdings guthalten, dass dieser Stil dem Setting der "Sterngucker und Komentenjäger" in ihrer Eigenschaft als distanzierte Wissenschaftler schon irgendwie angemessen ist).
Alle sechs Jahre findet ein Zusammentreffen der Figuren statt, wo sie sich auf sehr fein beobachtete Weise mehr oder weniger selbst dabei bedauern älter zu werden. Manchmal konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es Greer selbst ist, der sich hier bedauert (wie alt ist der Mann eigentlich?) Obwohl diese Beobachtungen und Reflektionen überwiegend präzise und überraschend weise sind, wirkt es auf mich wie eine einzige Midlife-Krise. Für meinen Geschmack -- besonders durch die Abwesenheit jeglichen Humors -- ist der Gesamtansatz etwas weinselig und gesetzt geraten.
Formal ist das Buch durch seine assoziativen Verschachtelungen und Rückblenden sehr raffiniert arrangiert, auch wenn diese Feinkörnigkeit mitunter sehr viel Konzentration beim Leser erfordert. Wie gesagt: Der Mann kann wirklich was, nur hat es mich nicht besonders gut unterhalten.
Ich würde das Buch solchen Lesern sehr empfehlen, die Freude an literarischer Poesie und einer liebevoll-versöhnlichen Vogelperspektive auf "hach, so ist das Leben" haben (was ich gar nicht abwertend meine: Manchmal sind mir fast die Tränen gekommen). Wer allerdings Konflikte, Überraschungen, lebendige Dialoge, kleine Skurilitäten und Humor erwartet, wird enttäuscht sein.