Jahnn hat seine Leiblichkeit, die Wünsche nach kreativen Vereinigungen mit einer ganz eigenen Sprache ausgedrückt und damit den immer wieder erfahrenen Verlust im Ausdruck aufgehoben - nicht zuletzt, um eine Distanz zwischen sich, seinen Ängsten und seiner Produktivität zu schaffen. Sein Schreiben sah er in Abhängigkeit mit seinem Unbewußten, dem schwarzen Ur-Grund, aus dem die Mutter-Sprache kommt. In seiner späten Novelle "Die Nacht aus Blei" (1956) wird der Prozeß der Selbstreflexion im gespaltenen Ich auf surreal-traumhafte Weise in einen fast filmischen Ablauf gebracht. Während "Fluß ohne Ufer" eine fulminante Selbstbeschreibung innerhalb der Motivkette von Liebe, Tod, Leib und Seele, Musik und Gewalt, Ruhe und Grab, Ausfahrt, Schiffbruch und Einfahrt in den Hafen eine Weltreise ins Imaginäre vollzieht, bietet die "Nacht aus Blei" (schon im Titel ein Ende des Fließens) einen Durchgang und eine Erforschung der Räume als Abteilungen des eigenen Körpers. Eine Figur mit Namen trifft auf einen Jungen der "Anders" heißt, einen Doppelgänger des eigenen Selbst, mit dem er in einer tiefschwarzen Nacht durch eine erloschene Stadt und über ein schneeweißes Feld läuft, den "anderen" auf seinem Rücken. Dieser "Fremde" führt ihn aus der Außenkälte ins Innere eines warmen Kellerlabyrinths, bis hin zum Tiefpunkt einer Schlafstelle: warm und dunkel - kaum läßt sich eine Kerze zum Leuchten bringen, alle Orientierung fällt aus. Am Bett bittet der "andere" um einen Einstich in seinen Leib, er wünscht sich eine auf Dauer offene Wunde und eine Berührung durch die in die Wunde greifende Hand: eine Mischung von christlichen und orientalischen Mythen, die Vermischung von weiblichem und männlichem Körper: Eben diese Mischung ermöglicht die Erkenntnis einer Einheit, die nur über die Verletzung und den schmerzenden Eingriff zu bekommen ist. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)