Wie könnte es aussehen, das vollkommene Glück? Wie das vollkommene Leben? Was würde man eigentlich tun, wenn man Zeit und Geld genug hätte, um zu tun und zu lasssen, was man will? Das sind die Fragen, die Stifters Nachsommer beantwortet. Das hat dem Buch den Ruf unerträglicher Langeweile eingetragen, was nicht verwundert, da das Glück ja schon länger im Verdacht stand etwas langweilig zu sein. Sollte man es deshalb fliehen? Warum nicht einmal in Gedanken durchspielen, wie es aussehen könnte? Dazu braucht es Zeit, denn im vollkommenen Leben ist die Zeit kein Problem, also unbegrenzt vorhanden. So kommt es, dass im Nachsommer auf über 700 Seiten kaum eine äußerliche Handlung stattfindet. Beim Lesen wird man langsam von der ruhigen Atmosphäre des Buches aufgenommen, ein gleichsam meditativer Vorgang. Und in ihrer Aufhebung wird die Zeit wieder spürbar, ja allererst spürbar, nachdem ihre Präsenz nicht mehr durch vordergründige Aktion verdeckt wird. Natürlich ist das auch unheimlich. "Der sanfte Unmensch" lautete Arno Schmidts Urteil über Stifter und seine Vision einer vollkommen geordneten Welt.Ein vollkommenes Leben wäre wohl unmenschlich; doch der Nachsommer ist nur ein Buch, das man lesen kann oder nicht, ein faszinierender Traum eines merkwürdigen Menschen, ein Buch, das mit keinem anderen verglichen werden kann.