Stefan Heyms Autobiographie, 1988 unter dem Titel "Nachruf" erschienen, ist für mich eines der schönsten und wichtigsten Bücher überhaupt. Stefan Heym erzählt spannend, unprätenziös, humorvoll und vor allem mit Talent auch zur Selbstironie aus seinem Leben. Und was er hier zu berichten hat, wird zu einem wichtigen und anschaulichen Stück deutscher Zeitgeschichte. Aus jüdischem gutbürgerlichem Elternhaus stammend, fühlte sich der 1913 in Chemnitz geborene Kaufmannssohn schon früh zu den "Linken", wer auch immer das genau war, hingezogen. Ein antimilitaristisches Gedicht, das er Anfang der 1930er Jahre in einer sozialdemokratischen Zeitung veröffentlichte, führte zu einem Proteststurm in der Öffentlichkeit, der ihn zwang, nach Berlin umzuziehen und den Schulbesuch dort fortzusetzen. Schon 1933 emigrierte er nach Prag, 1935 konnte er mit einem Studentenvisum in die Vereinigten Staaten einreisen. Nicht ganz mühelos gelang er ihm, in den USA zu bleiben, wo ihm 1941 mit seinem auf englisch geschriebenen antifaschistischen Roman "Hostages" (deutsch
Der Fall Glasenapp: Roman) ein sensationelles Debüt gelang. Es folgte die Teilnahme am zweiten Weltkrieg als Soldat der US-Armee, zuletzt im Range eine Leutnants, sozialistische Aktivitäten nach der Rückkehr in die USA und schließlich 1951 die Flucht vor dem Antikommunismus der Mc-Carthy-Ära und die Übersiedlung in die DDR. In der DDR avancierte er mit der Zeit zu einem der führenden Schrifsteller, oft als "großer alter Mann der DDR-Literatur" bezeichnet.
Was mich an Stefan Heym fasziniert, ist sein durchgängiges mutiges Eintreten für einen demokratischen Sozialismus. Dies brachte ihn immer wieder in Konflikte mit den jeweiligen Machthabern: Den reaktionären Honoratioren im Chemnitz der späten Weimarer Republik ebenso wie mit den US-amerikanischen Militärbehörden, die ihm erst nach langem Zögern das Offizierspatent verliehen, und mit den kleingeistigen Stalinisten in der SED-Führung. Bei der Lektüre fasziniert mich eine manchmal atemberaubende Naivität: Dass etwa Heym seine trotz der damaligen antikommunistischen Hysterie letztlich gesicherte Existenz in der USA eintauscht gegen ein unsicheres Leben in der DDR, und das zu einer Zeit, in der er als Intellektueller, Jude und Westemigrant geradezu prädestiniert war, stalinistischen Verfolgungen zum Opfer zu fallen, erscheint ebenso erstaunlich wie bewunderswert.
Aber Stefan Heym stilisiert sich nicht zum Helden (obwohl er das oft genug war), sondern schreibt in einem gedämpften und heiteren Ton, gewissermaßen mit einem weisen Lächeln. Seine Konflikte mit den Machthabern der DDR schildert er anschaulich und oft geradezu witzig. Aber er macht sich nicht zum "Dissidenten" oder zum "Regimekritiker", sondern betont immer wieder seine Verbundenheit mit der DDR und dem Sozialismus. Ihm ging es nicht um eine Abschaffung der DDR oder des Sozialismus, sondern darum, die bügerlichen Freiheiten, insbesondere die Meinungs- und Redefreiheit, in den Sozialismus zu integrieren, um damit den Sozialismus zu verbessern. Dass die DDR-Führer, die Heym in seinem Buch immer wieder mit grundsätzlicher Sympathie schildert, dies nicht begriffen, sondern ihn kriminalisierten, war eine Tragik nicht nur für Stefan Heym, sondern auch für die DDR.
Manche Schilderungen sind von einer geradezu beklemmenden atmosphärischen Dichte, etwa die Beschreibung des immer kälter werdenden politischen Klimas in den USA Anfang der 1950er Jahre, wo Schriftsteller und Intellektuelle wegen "Missachtung des Kongresses" ins Gefängnis wandern, weil sie sich weigern, Kollegen zu denunzieren. Oder die Beschreibung eines Prag-Besuchs, ebenfalls in den früheren 1950er Jahren, in denen Stefan Heym die immer mehr fortschreitende Stalinisierung der von ihm so geliebten Tschechoslowakei hautnah miterlebt.
Stefan Heym war, und das wird bei einer Betrachtung, die in ihm allzu sehr den DDR-"Regimekritiker" sieht, schnell vergessen, ein großer Schriftsteller. Das beweist seine Autobiographie zur Genüge. Dabei ist es äußerst angenehm, dass er bei der Beschreibung von Kollegen und anderen Personen, denen er begegnet ist, auf Herabsetzungen und Schmähungen verzichtet und, vielleicht mit einer gewissen Altersmilde, sich den Menschen einfühlsam und höchstens mit wohlwollendem souveränen Spott nähert. Auch seine Familie und seine erste Ehe (seine zweite, nach dem Tod der ersten Frau eingegangene, Ehe lässt er bewusst aus, um seiner Frau und seinem Adoptivsohn den nötigen Freiraum zu lassen) schildert er mit sympathischer Zurückhaltung.
Ich will nur zwei Episoden erwähnen, die für mich persönlich den Rang dieses literarischen Werks deutlich werden lassen. Zum einen die knappe Schilderung der berüchtigten Mitgliederversammlung des DDR-Schriftstellerverbandes im Jahr 1979, in der Stefan Heym mit einigen Kollegen wegen unbotmäßigen Verhaltens ausgeschlossen wird. Wo andere selbstgerecht ihre Opferrolle zelebriert hätten, belässt Heym es bei einer geradezu genialen, das ganze Geschehen pointiert charakterisierenden Formulierung: "Die Liliputaner beim Autodafé". Und der stalinistische Oberverfolger, der Schriftsteller-Präsident Hermann Kant, wird kurz und bündig vorgestellt: "Der Genosse Hermann Kant, der immer hinzugezogen wird, wenn der Dolch im Gewande erforderlich, hält die Anklage- und Verdammungsrede."
Und dann ist da jene Szene, in der Stefan Heym, kurz und in leisem Ton, schildert, wie er erfährt, dass sein einziges leibliches Kind, eine in Prag nichtehelich geborene Tochter, die von der Mutter in eine jüdische Familie zur Pflege gegeben wurde, in Auschwitz ermordet wurde. Dieser kurze Moment macht schlaglichtartig die ganze menschliche und schriftstellerische Größe Stefan Heyms deutlich. Und sie zeigt, wer (nicht nur für ihn) der wirkliche Feind ist und warum Stefan Heym trotz aller Konflikte mit den DDR-Machthabern immer der Meinung war, mit ihnen "auf der selben Seite der Barrikade" zu stehen.
Hätten Helmut Kohl und seine Leute dieses Buch gelesen, sie hätten sich gegenüber Stefan Heym nicht so würdelos und beschämend verhalten, als er 1994 die verdiente Ehrung erfuhr, als Alterspräsident des Deutschen Bundestages zu fungieren.