- Taschenbuch
- Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt (1998)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 359613868X
- ISBN-13: 978-3596138685
- Größe und/oder Gewicht: 19,2 x 12,6 x 1,6 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.378.104 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
Produktinformation
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Elon holt weit aus, um ein Bild des politischen Klimas der Region und seinen Beteiligten zu zeichnen -- von israelischen Siedlern in Hebron und ihrer unsicheren Koexistenz mit den arabischen Nachbarn bis hin zur Außenpolitik Ägyptens. Von der Ablehnung der Palästinenser im Jahre 1978, das isrealische Angebot der "vollen Autonomie" zu akzeptieren, bis zur Beteuerung der israelischen Regierung, dass die Besiedlung der besetzten Gebiete Sicherheit bringen würde, verfolgt Elon das, was er als die tödlichen Fehlkalkulationen beider Seiten bezeichnet. Während er die Ereignisse und Missverständnisse untersucht, die es den Palästinensern und den Israelis so schwer gemacht haben, Frieden zu stiften, kommt Elon zu dem Schluss, dass das, was beide Seiten letztlich zusammenbringen wird, nicht moralische Verpflichtung oder persönlicher Mut sein wird, sondern Erschöpfung.
Neuerscheinungen zum Thema Israel
Tel Aviv, 1962: Da war der Staat 14, die Stadt auch erst 53 Jahre alt, und die Mädchen und Knaben auf dem Bild waren jung und verkörperten, ungelenk, die «Elite» der angestrebten Normalisierung. Sie sollten nicht nur ohne Geschmack und Geruch von zweitausend Jahren Diaspora aufwachsen, sondern auch die Last der Auserwähltheit abstreifen. Was wohl aus ihnen geworden ist? Soldaten wurden sie wohl alle, wer noch lebt, hat von diesem Moment an vier Kriege mitgemacht. Einige werden das Experiment Kibbuz versucht haben, andere blieben in Tel Aviv, wieder andere zogen nach Jerusalem, in die Wüste Negev oder in eine der Siedlungen in den Gebieten, die fünf Jahre nach dieser Aufnahme besetzt wurden. Sie engagieren sich bei «Frieden jetzt» oder auf der Gegenseite. Sie fragen sich, was aus ihren Kindern werden wird. Und einige werden das Land verlassen haben. Wer Israel verstehen will, beginnt vielleicht am besten damit, den Lebensgeschichten einzelner Menschen nachzudenken. Und nachzulesen. Unter den vielen Büchern, die aus gegebenem Anlass erscheinen, sind die am stärksten, die sich dem allgemeinen Zugriff entziehen und unsere Aufmerksamkeit auf das Detail richten, auf die Schönheit und die Schwäche des individuellen Lebens.
Lebensgeschichten
«Lebensgeschichten aus Israel» heisst etwa eine jetzt bei Suhrkamp erschienene Sammlung, die ausführlichere Version erschien letztes Jahr beim kleinen Rauhreif-Verlag unter dem Titel «Nur Ewigkeit ist kein Exil». Ingrid Wiltmann hat Gespräche mit Schriftstellern und politischen Aktivisten geführt, die alle aus Europa stammen und das Mosaik der israelischen Nation deshalb nur eingeschränkt reflektieren. Aber ihre Geschichten illustrieren doch den Satz, den die Herausgeberin zum Motto macht: «Was es auf der ganzen Welt gibt, kannst du finden in diesem kleinen Israel.» Man muss nur die Anfänge der Kapitel aneinanderreihen: «Ich bin im Jahr 1920 geboren, in einer Stadt namens Wloclawek.» «Ich kam mit zehn Jahren in das damalige Palästina, gerade nach meinem zehnten Geburtstag.» «Ich bin 1922 im Westend in Frankfurt am Main geboren.» «Mein Geburtsort Altstadt in Böhmen war sehr klein.» Von da aus nach Israel, und dort in so verschiedene Richtungen. Da berichtet eine Generation, ein paar Jahre älter als die Kinder vor dem «Elite-Haus» und um so viele Erfahrungen von ihnen getrennt. Diese Generation hat die Brücke von Europa nach Palästina geschlagen, sie ist von Europa, vom Nationalsozialismus, vom Verlust geprägt, und gerade deshalb so israelisch (bei aller Kritik am Staat) wie nach ihr keine andere.
Das Gegenstück zu Ingrid Wiltmanns Buch heisst «Getrennte Welten». Die «Zeit»-Korrespondentin Gisela Dachs, selbst Jahrgang 1963, hat bewusst Menschen befragt, deren Geburtsdatum nach 1948 liegt. Ihre «israelischen und palästinensischen Lebensgeschichten» erzählen von heute. Hier sind arabische Autoren vertreten, die in Israel oder in den besetzten Gebieten leben, hier treten Israeli auf, deren familiärer Hintergrund vom Irak oder von Marokko erzählt, wie etwa die «Schönheitskönigin» Pnina Rosenblum, die einen weissen Flügel besitzt, aber nicht darauf spielt. Da ist Israel heute, da ist die Sheinkin-Strasse Tel Avivs und zugleich das arabische Dorf, da ist überraschend viel Sachlichkeit. Normalität? Womöglich ja.
Beide Bücher machen Lust auf eigene Erkundung (was immer noch das beste ist). Neben solchen Sammelbänden haben die Verlage für dieses Frühjahr auch Bücher neu oder wieder aufgelegt, in denen Einzelne von ihrer Begegnung mit dem Land berichten, von aussen. Hans Mayer berichtet in beeindruckenden Momentaufnahmen von seinen «Reisen nach Jerusalem». Seine umfassende Kenntnis und die Gunst des Terminkalenders, der ihn immer wieder zu historischen Zeitpunkten ins Land brachte, lassen die kleinen Eitelkeiten vergessen, die den Bericht durchsetzen. Mayers Bericht kann als Mosaikstein in einem grossen Bild gelesen werden, das von der Aussensicht auf Israel berichtet. Ganz weit von aussen kam Albert Londres, der grosse französische Reporter, dessen «Le juif errant est arrivé» von 1929, nun von DTV als «Ahasver ist angekommen» ediert, vom Glück der Ankunft berichtet und zugleich die Skepsis des europäischen Beobachters gegenüber dem Experiment darstellt.
Eine schöne Quelle für Lesestoff (nicht nur) aus und über Israel bietet seit einigen Jahren der im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp erscheinende Jüdische Almanach. Jakob Hessing, der Herausgeber, hat für den Band «Israel. Geschichte in Texten» einiges daraus zusammenstellt: Originaltexte von Bialik, Agnon oder Shabtai stehen neben historischen und literaturwissenschaftlichen Analysen, zusammengebunden durch einen brillanten Aufsatz von Alfred Bodenheimer, der sich mit dem weiten Feld «zwischen Sehnsucht und Rückkehr» befasst. Ähnlich wie die Reiseberichte, historisch oder aktuell, macht auch dieser sympathische Band deutlich, dass das Bild Israels häufig von aussen her mitbestimmt und geprägt wurde.
«Mein Israel» heisst ein bei Fischer von Micha Brumlik herausgegebener Band, der «21 erbetene Interventionen» enthält. Brumlik konstatiert in seiner Einleitung, dass es nach dem Golfkrieg von 1991 «auffällig still um Israel geworden» sei. Wohl habe der Mord an Yitzhak Rabin die europäische Öffentlichkeit erschüttert, aber die Politik, die «fatale Politik» der Regierung Netanyahu werde kaum kommentiert, das «Problem» Israel in die Zuständigkeit der USA abgeschoben. Brumlik fordert «Intervention», und auch er geht davon aus, dass eine Verbindung aus grundsätzlicher Solidarität und tagespolitisch motivierter Kritik nur «durch einen genauen Blick darauf, was Israel für politisch denkende Menschen in ihrer eigenen Lebensgeschichte bedeutet», hergestellt werden kann.
Israel heute und morgen?
Sehnsucht und Rückkehr sind auch hier präsent, im steten Zwiegespräch. Brumlik gelingt wie keinem anderen Autor das nüchterne Pathos, das uns die Bedeutung Israels jenseits der Tagespolitik nahebringt: Die «verdrängte Erinnerung an eine versöhnte Welt», die mit dem Namen und dem Versprechen Israel verbunden ist, kann wieder gefunden werden. Und warum sollte ein oberflächliches Jubiläum nicht dabei helfen? Wer von der Flut der Beilagen und Sonderausgaben zum gegebenen Anlass etwas übersättigt ist und sich (auch im eigenen Interesse) fragt, wie es wohl im nächsten Jahr mit dem Interesse an Israel bestellt sein wird, findet hier ruhige, durchdachte Texte, mehr als blosse Momentaufnahmen, denen sich noch für längere Zeit nachlesen lassen wird. Noch einmal soll Jakob Hessing genannt sein, geboren und aufgewachsen im Nachkriegs-Berlin, wohnhaft seit langem in Jerusalem, der von dort aus der deutsch-jüdischen Geschichte nachdenkt und ihrem Erbe einen Platz im israelischen Gedächtnis schafft. «Sucher in Zeiten des Sinnverlustes» nennt Hessing die Heine und Kafka, Joseph Roth und Nelly Sachs, Paul Celan und Jurek Becker, mit denen er sich beschäftigt: «Ich helfe mit, sie unserem Gedächtnis einzuprägen: Das ist mein Israel.»
Abschliessend soll noch auf zwei Bücher hingewiesen werden, die aus diesem Geist entstanden sind und in zwei ganz verschiedene Richtungen Aufmerksamkeit lenken: nach Israel und nach Europa, vor allem nach Deutschland. Der S.-Fischer-Verlag hat Amos Elons Reportagen «Nachrichten aus Jerusalem» in einer erweiterten Taschenbuchausgabe vorgelegt, und dieses Buch sollten alle lesen, die nach Israel fahren. Elon ist, bei allem historischen Wissen, bei aller umfassenden Bildung, die aus jeder Zeile spricht, doch von heute. Hier spricht Israel, das demokratische, weltoffene, mit Tradition vertraute und ihr zugleich misstrauende, das nahöstliche und doch von Europa geprägte Israel. Elon hat dazu beigetragen, dass es, fünfzig Jahre nach der Staatsgründung, überhaupt einen israelischen Standort geben kann, von dem aus der Blick nach Europa (wieder) möglich ist.
Anat Feinberg hat in diesem Sinn die übliche Blickrichtung umgekehrt. In dem von ihr edierten Band «Wüstenwind auf der Allee» (bei Aufbau) sind Texte versammelt, deren Autoren von Israel aus nach Deutschland blicken. Wie kein anderes Buch erzählt dieses von der überraschenden, von der ungeheuren Tatsache, dass es, hundert Jahre nach Theodor Herzls Kongress, fünfzig Jahre nach Ben Gurions Erklärung, einen Staat Israel gibt, so vielfältig und widersprüchlich wie die Welt.
Joachim Schlör
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