Meine Güte, das war ja was. Ich wusste zwar schon aus anderen Rezensionen, dass ich hier eben nicht (!) die vermutete Liebesgeschichte erwarten durfte. Dennoch, das Tempo, welches das Buch nach einer Weile aufnahm, hat mich teilweise verwirrt. Zwar im positiven Sinne, da ich es kaum mehr aus der Hand legen konnte. Aber der Grad meiner Verwirrung entspricht in etwa dem Effekt, als würde man eine gemütliche Runde auf dem Riesenrad erwarten - würde aber dafür eine Waschmaschine im Schleudergang bekommen.
Dieses Buch ist ganz und gar auf die Handlung, den Plot, ausgerichtet, oder doch überwiegend. Im ersten Drittel wird dies auf zwei verschiedene Perspektiven verteilt: Jonathan und Madeline, die in San Francisco und Paris leben, und die am New Yorker Flughafen ihre Handys vertauscht haben. In diesem Teil des Buches stöbert jeder für sich im Mobiltelefon der anderen Person, getrieben zuerst von Neugier, dann Staunen, danach purer Faszination. Denn bei ihren Nachforschungen stoßen sie auf ein verbindendes Element in ihrer beider Vergangenheit - einer Vergangenheit, die beide eigentlich lieber begraben hätten...
Es folgt eine kurze Phase des Rückblicks, auf das "Damals" vor etwa drei Jahren. Anschließend laufen die vorher getrennten Perspektiven Jonathans und Madelines endlich zusammen, sie treffen sich, und auch die Handys finden wieder zu ihrem wahren Besitzer. Doch sich bremsen, das können die Beiden nun nicht mehr. Nun forschen sie gemeinsam weiter, was aus den Dingen von damals geworden ist. Und warum sie beide darunter leiden mussten. Die Handlung entwickelt sich zu einem Haken schlagenden Kaninchen, die vor überraschenden Wendungen nur so strotzt. Hier wird das Buch endgültig zum Thriller, da es auch um ein Wettrennen mit der Zeit geht. Inklusive Showdown und Verfolgungsjagd quer durch New York. Und ganz am Schluss geht es dann doch noch um die Liebe...
Ich liebe Bücher, die Überraschungen bereit halten, die fesseln, und flüssig geschrieben sind. Allerdings darf dies nicht zu Lasten der Charakterisierung und des allgemeinen Anspruchs gehen, und da bin ich mir bei diesem Buch nicht letztgültig im Klaren. Die Glaubwürdigkeit der charakterlichen Wandlung der beiden Protagonisten, vom einfachen Bürger hin zum kaltblütigen Ermittler, war doch ein wenig übers Knie gebrochen. Zumindest, was Jonathan betrifft - meine Ansicht zu Madeline kann ich leider nicht näher beschreiben, ohne Entscheidendes vorweg zu nehmen. Auch die Personen in Jonathans und Madelines Umfeld kommen mir einfach zu wenig vor - Jonathan hat einen Sohn, und Madeline - eigentlich - einen Verlobten. Doch diese Fäden werden nach einer Weile mehr oder weniger fallen gelassen, was ich schade fand. Und am Ende lief mir alles doch eine Spur zu süßlich auf den - eigentlich überflüssigen - Epilog hinaus. Nun ja.
Ein wenig überfordert war ich auch von der ganzen Thematik rund um Elektronik und die neuesten Medien. Aus meiner persönlichen Erfahrung habe ich einfach keine Vergleichsmöglichkeiten - ich besitze keines dieser supermodernen "Smartphones", und kann mir nicht vorstellen, welche Datenmengen die angeblich zu speichern imstande sind. Zudem würde ich solch belastendes Material nie im Leben (!!) täglich mit mir herumtragen wollen. Und was da nicht noch alles vorkam - Flugtickets wurden per E-Mail gesendet, Kinder schauten Filme auf einem Tablet-PC, Handys liessen sich ganz einfach von zu Hause aus orten, und so weiter und so fort. Das mag ein technisch versierterer Leser anders beurteilen, mich aber hat es ein wenig "erschlagen".
Der letzte Grund, warum ich trotz Rekord-Lesezeit und gutem Spannungsbogen einen Stern abziehe, ist die meiner Meinung nach nicht gänzlich geglückte Übersetzung. Da gab es Eigenheiten, die mich haben die Stirn runzeln lassen. Ein Restaurant hat keinen "Patron"! Im Französischen bedeutet "patron" einfach "Chef" oder "Inhaber". Weitere Fundstücke: ein paar Begriffe aus dem Rugby wurden wörtlich (!) übersetzt, was mich sehr konsterniert hat. Da wurde der "Halfback" oder der "Quarterback" plötzlich zu einem "Halbmittleren"... sehr merkwürdig. Richtig gegruselt hat mich die Schreibweise "Star Treck" (sic!) mit "ck" anstatt, wie es richtig heißen müsste, mit "k" (also "Star Trek"). Und das schottische Nationalgericht "Haggis" (ein Begriff, der meiner Meinung nach schon zum Allgemeinwissen gehört) mutierte umständlich zu "gefülltem Schafspansen". Das hätte man einfach beim Originalbegriff belassen sollen. Unglücklich auch folgende Unterhaltung zwischen Madeline und Jonathan: "Du bist hier nicht im Da-Vinci-Code!" - wobei die Übersetzer übersehen haben, dass Buch und Film in Deutschland ganz anders heißen, nämlich "Sakrileg". Es gäbe noch mehr Beispiele, aber dabei will ich es bewenden lassen.
Ich bleibe letztlich bei meinen zuerst instinktiv gewählten vier Sternen, und einer eingeschränkten Leseempfehlung. Und zwar für solche Leser, die gerne einmal in ein Buch voller überraschender Wendungen eintauchen wollen, und dafür auch die eine oder andere Holperigkeit in Kauf nehmen.