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Ein namenloses europäisches Land in der Krise: Die Gewerkschaften rufen zu Streiks auf, in den Straßen tobt der Mob, Anschläge werden verübt, es gibt Tote, es gibt Bekennerschreiben. Mittendrin: der Innenminister namens Selden, unglücklich verheiratet, Affären nicht abgeneigt, eventuell korrupt, seine Tochter ist gerade bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Michael Kumpfmüller macht Selden zur Hauptfigur seines dritten Romans, schildert den Kampf eines Politikers mit der Extremsituation, sein Hadern und Hoffen und Zweifeln. Allerdings bleibt der Berliner Autor nicht bei seinem Protagonisten - auch Seldens Rivalen innerhalb der Partei, einer essgestörten Journalistin, einigen jungen Autonomen, Seldens Frau Britta wendet er sich zu. Möglichst viele Perspektiven will Kumpfmüller einnehmen, von möglichst allen Seiten will er Politik betrachten und in seinen stakkatohaften Sätzen beschreiben. Sein Zynismus ist oft treffsicher, führt schonungslos vor Augen, wo die Schwachstellen europäischer Demokratien liegen. Das ist an vielen Stellen aber auch einfach zu viel - durch den ständigen Perspektivwechsel und den abwechselnden Blick auf das Individuum und das große Ganze verwässern viele Aussagen des Romans. (jul)
Kurzbeschreibung
Döblin-Preis 2007 für den großen Roman über die Mechanismen der Macht und die Mechanik der Gefühle. Wir stürzen ab, betet für mich diese Sms erhält ein Vater von seiner Tochter mitten in der Nacht, in einem Hotelzimmer in Nordamerika. Was wie ein grausamer Scherz klingt, erweist sich als der modernste aller Albträume: Selbst aus todgeweihten Flugzeugen können wir noch Nachrichten empfangen Nachrichten an alle. Mit diesem Donnerschlag beginnt Michael Kumpfmüllers neuer Roman, der die Politik zurück in die deutsche Literatur bringt. Denn der Vater, der diese Nachricht bekommt, ist Innenminister eines westeuropäischen Landes, das gerade in eine schwere Krise stürzt. Streiks, soziale Unruhen und diffuse terroristische Bedrohungen lassen Minister Selden keine Zeit für Trauer. In »Nachricht an alle« treibt Michael Kumpfmüller eine Sonde durch die Schichten unserer westlichen Demokratien. Nicht nur Seldens privates und politisches Schicksal interessieren ihn, sondern die monströsen Mechanismen innerer Sicherheit, die gegenseitige Durchdringung von privater und öffentlicher Sphäre. Dazu gehört auch das dröhnende Räsonnement von Medien, Experten und vermeintlicher Volkes Stimme, das als Hintergrundrauschen den politischen Diskurs begleitet und aushöhlt. Kumpfmüller gelingt ein flirrendes Porträt der Gleichzeitigkeiten: Während in den klimatisierten Büros der Eliten Entscheidungen getroffen werden, beginnt sich unten in den Großstadtschluchten, an den heißen Rändern der Gesellschaft, eine Gruppe von Menschen zu regen, die auf den großen Schlag wartet. So kenntnisreich, packend und klug ist in der deutschen Literatur noch nicht über Politik und Gesellschaft geschrieben worden. Mit diesem groß angelegten, sprachlich fein gearbeiteten und vielstimmigen Roman erweist sich Michael Kumpfmüller als einer der bedeutendsten Romanciers unserer Zeit
Über den Autor
Michael Kumpfmüller, geb. 1961 in München, lebt als freier Autor in Berlin. Im Jahr 2000 erschien mit dem gefeierten Roman »Hampels Fluchten« seine erste literarische Veröffentlichung, 2003 sein zweiter Roman »Durst«. »In Michael Kumpfmüller haben wir unseren Erzähler gefunden.« Frank Schirrmacher, »Frankfurter Allgemeine Zeitung«