Nachkirchliches Christentum. Der lebende Jesus und die sterbende Kirche.Vorbemerkung zum Autor:
Rupert Lay gilt als Ketzer, weil er die Glaubenssätze der Kirche im Allgemeinen nicht anerkennt, und somit werden seine Bücher vermutlich nicht in den Regalen derer stehen, die es nötig hätten - gerade wenn man sich ansieht, was aus der Kirche in Deutschland geworden ist. Denn dieses Buch ist ausgesprochen lesenswert, wenn man verstehen will, woher der Wind weht, der das kirchliche Christentum in Deutschland weit mehr erodiert als der saure Regen die Kathedralen.
Im säkularen Bereich wurde Lay durch Bücher über Führung und ethisches Management bekannt - siehe auch meine Rezension über sein Buch "Führen durch das Wort".
Starke Seiten des Buches:
Lay analysiert die Fehlentwicklungen der Kirche scharf, klar und kalt, aber nicht bitter oder zynisch. Er zeigt, wo die Wurzeln des Christentums sind, geht von der Person Jesu und seinen Gleichnissen und Lehren in den Evangelien aus. Er beleuchtet die abgrundtiefe Diskrepanz zwischen dem, was Jesus gelehrt und gelebt hat und dem, was die Kirche lehrt und lebt. Eigentlich olle Kamellen - solche Dinge hat man in den 70er Jahren diskutiert. Aber leider hat sich seit den 70er Jahren in den christlichen Groß-und Freikirchen so wenig Substanzielles geändert, dass es immer noch stimmt: Kirchen stehen für institutionalisiertes, indoktriniertes und gesellschaftlich irrelevantes Christentum, wenn man Jesus als Maßstab nimmt.
Lay nimmt sich auch die Zeit für theologische und erkenntnistheoretische Exkursionen; seine Begabung, komplexe Sachverhalte ungemein dicht und auf den Punkt gebracht zu erläutern, kommt hier sehr nutzbringend zum Tragen.
Problemzonen:
Lays radikale Ablehnung aller "Erlösungsbedürftigkeit", und seine Weigerung, in Jesus mehr als ein erstklassiges, authentisches Lebensvorbild zu sehen, und seine in Konsequenz große Skepsis gegen die neutestamentlichen Schriften, die Jesus als den "Christus", den Erlöser zeigen, machen es schwer, die guten Seiten dieses Buches anzunehmen, wenn man wie ich die Erlösung durch Jesus Christus als wesentlich betrachtet, und in Paulus und Johannes nicht vernagelte Dogmatiker und Institutionalisten sieht. Hier scheint mir schüttet er das Kind mit dem Bade aus.
Für Menschen, deren Glaube an Gott nicht gefestigt ist, empfiehlt sich daher dieses Buch nicht, denn die Schärfe der Argumentation erweckt den Eindruck, dass da etwas "real" oder "wissenschaftlich erwiesen" ist, was von Wissenschaft nicht erfasst werden kann.
Gesamteindruck:
Ich finde dieses Buch außerordentlich lesenswert für Menschen, denen Kirche nicht egal ist und denen es am Herzen liegt, dass Christentum so "rüberkommt", wie es gemeint war. Auch wenn ich Lay's Theologie ablehne, so halte ich sein Anliegen für berechtigt und dringend. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass da jemand zum Outsider der Kirche wurde, weil er eigentlich ein Prophet ist.