Eine Prognose, der das Eigenschaftswort "wissenschaftlich" vorangestellt wird, ist für den Normalbürger damit gewöhnlich in den Olymp der Unfehlbarkeit aufgestiegen. Doch die meisten geisteswissenschaftlichen Prognosen stimmen nicht oder sind gar grundfalsch, denn sie schreiben in der Regel einen gegebenen Zustand linear fort. Leider ist die Wirklichkeit ein wenig komplizierter als lineare Modelle. Wer hat denn schon in den 1970er Jahren den Zusammenbruch des kommunistischen Systems vorausgesagt oder die Erderwärmung? Damals hätte man wohl eher in Waldsterben und die kommende Eiszeit investieren müssen. Schon vergessen? Von dieser Zeit trennen uns 40 Jahre, also genau der Prognosezeitraum dieses Buches. Mit einer gehörigen Portion Skepsis sollte man dementsprechend Bücher lesen, die uns weismachen wollen, sie könnten die Zukunft voraussehen.
Im ersten Kapitel wird uns ausgemalt, was der drohende Klimawandel bis ins Jahr 2050 bewirken wird und welche furchtbaren Katastrophen auf uns zukommen werden. An wenigstens zwei Stellen wird im Text der Tsunami von 2004 mit dem Klimawandel in Zusammenhang gebracht. Wenn ich mich recht erinnere, soll der Klimawandel durch den von der Menschheit erzeugten Kohlendioxid-Ausstoß hervorgerufen worden sein (was zahlreiche seriöse Wissenschaftler übrigens bezweifeln). Dass Kohlendioxid nun auch noch Seebeben auslöst, war mir in diesem Zusammenhang neu. Wenn das das Begründungsniveau für Investitionen sein soll, dann Gute Nacht. Glücklicherweise enthält dieses Werk aber auch zahlreiche nützliche Informationen, die das häufig naive Argumentieren der Autoren wenigstens teilweise erträglich machen.
Im zweiten Kapitel werden uns erneuerbare Energien grundsätzlich vorgestellt. Allerdings sollte dem nachdenklichen Leser bereits hier klar werden, dass Investments auf diesem Gebiet riskant sind, weil es zahlreiche unberechenbare Einflussfaktoren gibt, die in diesem Buch leider nur am Rande erwähnt oder verschwiegen werden. Der letzte Regierungswechsel und die Wirtschaftskrise haben zum Beispiel zu einem dramatischen Kursverfall bei deutschen Solaraktien geführt. Und das, obwohl die in diesem Buch vorgetragenen Allgemeinplätze über diese Energieform und ihre Zukunft nichts von ihrer Richtigkeit eingebüßt haben. Das dritte Kapitel gibt einen sehr guten allgemeinen Überblick über die wichtigsten erneuerbaren Energieträger. Neben der Solarenergie und Windkraftanlagen kommt auch Wasser ins Spiel, allerdings nicht nur als Energieträger, sondern auch als knappes Gut. Daneben werden auch noch die Energieerzeugung aus Erdwärme und Biomasse sowie energiesparendes Bauen und die Brennstoffzelle diskutiert.
Die Autoren erwähnen am Ende dieses Kapitels etwas kleinlaut die Erzeugung von Biokraftstoffen und das kürzliche Kursdesaster entsprechender Aktien. Auch an diesem Beispiel kann man deutlich erkennen, wie schnell die Wirklichkeit den Optimismus von naiven Amateur-Investoren oder Verkaufsprospekten dämpfen kann.
Frau Sander diskutiert im vierten Kapitel zunächst, wie man sich nach der Einführung der Abgeltungssteuer verhalten sollte, schlägt Stoppstrategien vor und stellt dann zahlreiche Anlagevehikel (Aktien, Fonds, ETFs und Zertifkate) allgemein vor, um dann anschließend konkrete Vorschläge auf den einzelnen Themengebieten zu unterbreiten. Ob man aus den ökonomischen Daten, die in diesem Buch für die jeweiligen Aktien oder anderen Anlageformen aufgelistet werden, wirklich fundierte Entscheidungen treffen kann, wage ich zu bezweifeln. Die zahlreichen Investitionsvorschläge sind hingegen durchaus interessant, wenn man damit vernünftig umgehen kann.
Im Grunde ist die durchgängige Argumentation von Frau Sander völlig simpel: (1) Der diskutierte Sektor ist wichtig, weil wir unseren Planeten retten müssen. (2) Ab jetzt steigen die Aktienmärkte, weil die Krise überwunden ist und sich die Geschichte von 2003 wiederholen wird. Ob das stimmt und deshalb jetzt ein guter Einstiegszeitpunkt ist, wird sich zeigen. Frau Sander verschweigt, dass keines der grundsätzlichen Probleme, die zur Blase auf dem amerikanischen Immobiliensektor geführt haben, auch nur im Ansatz gelöst ist. Erneut wurden die Finanzmärkte mit Papiergeld überflutet. Weil aber Geld und Realwirtschaft in keinem sinnvollen Verhältnis mehr stehen, fehlen vernünftigen Anlagemöglichkeiten. Damit müssen zwangsläufig immer neue und größere Blasen entstehen. Man muss schon sehr optimistisch sein, wenn man glaubt, dass die angeblich größte Wirtschaftskrise seit 1929, die gefühlt bisher recht winzig ist, bereits vorbei sei.
Im zentralen und sehr umfangreichen fünften Kapitel stellt uns die Autorin Solar- und Windkraftaktien aus dem TecDax ausführlich vor. Am Ende des Kapitels findet man auch zahlreiche ausländische Windkraftaktien. Diese Vorstellungen sind es, die das Buch retten. Geschäftsmodelle und Marktpositionierungen werden erklärt. Auf diese Weise ist der Text ein Kompendium für den entsprechenden Sektor, wenn man mit den Märkten umgehen kann, also mehr weiß als in diesem Werk darüber steht.
Das kurze 6. Kapitel nennt uns die Aktien des Desertec-Projektes (Sonnenstrom aus der Sahara) und die beteiligten Unternehmen. Einige Risiken dieses Projektes werden im folgenden Kapitel genannt, das danach wieder in höchsten Tönen die rosige Zukunft des beschriebenen Sektors ausmalt. Das Buch endet mit einem umfangreichen Glossar der im Text benutzten Fachbegriffe.
Fazit.
Auf der einen Seite enthält dieses Buch zahlreiche wirklich nützliche und in dieser Zusammenstellung sonst schwer auffindbare Informationen über die technologischen Hintergründe des beschriebenen Sektors und die wichtigsten Unternehmen. Dies ist ein echtes Kaufargument. Auf der anderen Seite war wenigstens für mich das argumentative Niveau nur schwer erträglich und erinnerte mich an Verkaufsprospekte von Fonds. Beispielsweise liest man nur zwischen den Zeilen, dass der Solarbereich ohne die extremen Subventionen so nicht existieren würde. Dieser künstliche Markt ist darüber hinaus noch im frühkindlichen Stadium. Es wird also noch zu erheblichen Veränderungen kommen, die eine hohe Volatilität implizieren. Wer sich wie letztlich nach einer Marktbereinigung durchsetzen wird, ist völlig ungewiss. Dazu gesellen sich allerlei politische und technologische Risiken, die im Text nicht erwähnt werden. Und schließlich muss man die Grundannahme der Autorin, dass jetzt ein hervorragender Einstiegszeitpunkt für Investitionen sei, nicht unbedingt teilen. Meine Bewertung bezieht sich ausschließlich auf den Informationsgehalt des Buches.