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Theodor W. Adornos Vorlesung über Metaphysik
Von Uwe Justus Wenzel
Denen, die ihm am 11. Mai 1965 im Hörsaal zu Frankfurt am Main ihr Ohr liehen, vertraute Theodor W. Adorno an, er habe sich als Gymnasiast bei der Lektüre Nietzsches schwergetan, auch nur «einigermassen» zu begreifen, was es mit dem Begriff der Metaphysik auf sich habe. Als er sich «bei einem wesentlich Älteren deswegen Rats erholte», sei ihm geantwortet worden, das könne er noch nicht verstehen, werde es eines Tages aber schon verstehen. Der Philosoph ist im nachhinein geneigt, solche biographische Zufälligkeit als «gar nicht so zufällig» zu betrachten. Die «Herausschiebung und Herauszögerung» scheine nämlich mit «der Sache selbst» etwas zu tun zu haben. Doch was, im Falle der Metaphysik, ist die Sache selbst?
Sind es «jene sogenannten letzten Dinge», um derentwillen, wie das Auditorium kurz zuvor vernahm, die Menschen zu philosophieren überhaupt begonnen hätten? Adorno greift diese «philosophische Phrase» auf, so erläutert er in einer seiner vielen Parenthesen, «um später vielleicht etwas anderes an ihre Stelle zu setzen»; ja sogar: «nur» um dies vielleicht zu tun. Er hält Wort, ohne freilich die Vorsicht ganz aufzugeben.
WARTEN ALS METAPHYSIK
Die «metaphysische Erfahrung», die im letzten Drittel der Vorlesung als «Sache selbst» sich erweist, sie erhalte sich «nämlich eigentlich nur noch negativ». Nicht mehr der glückliche Augenblick erfüllten Lebens sei die Gestalt, «in der metaphysische Erfahrung wirklich etwas Aufdrängendes, sich Aufzwingendes noch hat»; es sei vielmehr die Erfahrung des «Ist das denn alles?» oder auch, «am stärksten», die Situation vergeblichen Wartens. (Adorno erinnert sich hier der Worte seines Kompositionslehrers Alban Berg, die Takte seines Werkes seien ihm die wichtigsten, in denen eine solche Situation sich Laut verschaffe.) Die «letzten Dinge» mögen die Sache der Metaphysik, der metaphysischen Erfahrung, noch sein, doch kehren sie uns ihre abweisende, «innerweltliche» Seite zu. Jede «positive» Erfahrung macht sich infolgedessen des Romantizismus und, schlimmer noch, des Einverständnisses mit der «offiziellen Jasagerei» verdächtig.
Das klingt elitär und mag es auch sein, heisst aber nicht, dass jeder «negativen» Erfahrung die Wahrheit verbürgt wäre. Adorno warnt vor der «Lockung, die Reste von Leben oder sogar die Negation des Zustands, wie er herrscht, mit dem Absoluten zu verwechseln». Mit grosser Emphase beschreibt er «genau das» als Metaphysik: das «Denken über sich selbst hinaus, ins Offene». Und offen, hier ist er ganz Empirist, kann nur sein, was auch «falsch» sein kann. Mit dieser Offenheit und «Fehlbarkeit» auch der Erfahrung des Negativen verträgt sich nicht ohne weiteres, dass Adorno ein Unverrückbares kennt, ein factum brutum, das obzwar «historisches» Ereignis, so doch aus dem Bewusstsein untilgbar sei: Auschwitz. Der grauenerregende Einbruch des «Innerzeitlichen» in die Spekulation des «Überzeitlichen» hat die Metaphysik «in das materielle Dasein» gestossen, hat in gewisser Weise dem Konzept metaphysischer Erfahrung erst seine Bedeutsamkeit verliehen. Er hat es aber zugleich der Möglichkeit radikal beraubt, der «metaphysischen These von der Sinnhaftigkeit der Welt» noch etwas abgewinnen zu können.
ARISTOTELES, NICHT PLATON
Dass Adorno den angedeuteten Zwiespalt zwischen Offenheit und Verschlossenheit der Perspektive als einen solchen empfinde, ist in der Vorlesung auch dank da und dort eingestreuten Selbstkommentierungen («sehr extrem»; «wenn ich einmal so grossmäulig es ausdrücken darf») stärker zu spüren als in den parallel zu ihr entstandenen Partien der «Negativen Dialektik», die den Titel «Meditationen zur Metaphysik» tragen. Nicht allein darum lohnt die Lektüre der edierten Transkriptionen von Tonbandmitschnitten. Auch der Umstand, dass das Kolleg vom Sommersemester 1965, wie der Herausgeber mitteilt, die einzige ausführliche Behandlung eines antiken Philosophen enthält, die von Adorno überliefert ist, hat seinen Reiz. Die «Metaphysik» des Aristoteles (die er, eingestandenermassen nicht auf der Höhe der philologischen Forschung, durch die Brille Eduard Zellers liest) dient Adorno als «Reagenzglas», darin sich die Themen, Thesen und Probleme der abendländischen Metaphysik bereits vor- und ausgebildet finden. Er experimentiert damit über die lange Strecke von zwei Dritteln seiner Vorlesung, um dann, nicht völlig unvermittelt, jene Reflexionen zur metaphysischen Erfahrung vorzutragen, wie sie ihm «heut und hier fällig und unumgänglich scheinen».
Adornos interessanteste (und also bestreitbare) «These» zu Aristoteles dürfte sein, dass mit diesem die Metaphysik «in einem prägnanten Sinne» recht eigentlich erst beginne und nicht schon mit Platon. Erst dort, wo das Verhältnis von Begriff und Erfahrung, Ideen und Sinnenwelt als eines der «Spannung» zum Gegenstand des Denkens werde, entstehe die «Sphäre der Metaphysik». Verknüpft damit ist die weniger originelle (aber ebensosehr bestreitbare) Vermutung, die Platonischen Ideen seien so etwas wie «Begriff gewordene Götter». Diese Annahme birgt, nicht ganz transparent, die Voraussetzung für Adornos weitere Interpretationsthese, Aristoteles habe die himmelweit von der für nichtig erklärten Sinnenwelt entfernten Ideen «kritisiert» und dennoch deren theologischen Gehalt «retten» wollen.
Dieses Muster einer «Doppelintention auf Kritik und Rettung» sieht Adorno bekanntlich in die Textur der abendländischen Metaphysik allüberall eingewoben, auch in die seiner eigenen: «Metaphysik wäre zu definieren demnach als die Anstrengung des Denkens, das zu erretten, was es zugleich auflöst.» Es fällt nicht immer leicht, die Differenz dieser Charakteristik zu jener zu fassen, die sich unter Adornos Stichworten zur Vorlesung findet und die zu erörtern er nicht mehr die Zeit gefunden hat: «Der Trick, Verzweiflung garantiere das Dasein des hoffnungslos Entbehrten.»
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