Neue Zürcher Zeitung
Adornos Kant
ujw. Theodor W. Adorno hat in seinen Schriften keine Konzessionen an die Verstehenskapazitäten seiner Leserschaft gemacht. Er hielt das Eingängige, das leicht Verständliche für allzu leicht korrumpierbar. Die hermetische Sprache sollte davor bewahren, dem herrschenden Code sich anzupassen. Von der Überzeugung, allein das Unverständliche vermöge noch im emphatischen Sinne wahr zu sein, machte er freilich im mündlichen Vortrag Abstriche. In seinen stets frei improvisierten Vorlesungen befleissigte er sich gar eines ausnehmend didaktischen Tons, ohne allerdings dem Auditorium in der Sache etwas zu schenken. Die zweite Vorlesung, die im Zuge der Edition nachgelassener Schriften auf Grund von Tonbandmitschnitten (sie wurden seinerzeit nach jeder Kollegstunde transkribiert) soeben erschienen ist, handelt von Kants «Kritik der reinen Vernunft»: dem Werk, an dem schon der Schüler Theodor Wiesengrund unter Anleitung seines älteren Freundes Siegfried Kracauer sich versucht hatte. Nachzulesen sind keine «Kant-Forschungen», wohl aber tastende, experimentierende Vorstudien zu dem, was später ins Konzept einer «negativen Dialektik» mündete.
Kurzbeschreibung
In der letzten der Vorlesungen zur "Kritik der reinen Vernunft" spricht Adorno von einem dialektischen Denken - er meinte das eigene -, dessen Elemente ich Ihnen an Kant entwickelt habe (S. 352); deutlicher konnte Adorno nicht sagen, worum es ihm ging: nicht um immanente Auslegung des historischen Kant; er verhandelte vielmehr bei Gelegenheit Kants Fragestellungen der eigenen Philosophie. Die der Adornoschen Philosophie immanente Erkenntnislehre ist Metakritik der überkommenen - und das heißt vorab: der Kantischen - Erkenntnistheorie. An versteckter Stelle hat Adorno ausgesprochen, daß er die sehr große Anstrengung, die Kantische Konstitutionsproblematik zu interpretieren, nur deshalb auf sich nehme, weil es hier um nicht weniger gehe, als um die Grundlegung der philosophischen Position, wie ich sie selbst vertrete (S. 239) und für die er erst später den Namen der negativen Dialektik fand.