Alle Jahre wieder ist es soweit: "Nachdenken über Deutschland", das Jahrbuch des kritischen Internet-Portals "Nachdenkseiten", erscheint. Und wie jedes Jahr hat es das Buch auch diesmal wieder in sich. Zu den Herausgebern Albrecht Müller und Wolfgang Lieb gesellt sich erstmals als Autor der "Spiegelfechter"-Blogger Jens Berger, der seit einigen Monaten zum festen Mitarbeiterstamm der "Nachdenkseiten" gehört. Ebenfalls vertreten ist der Ökonom und Chefvolkswirt der UNCTAD Heiner Flassbeck. Das Vorwort stammt diesmal von dem renommierten Ökonomen und Mitglied des Sachverständigenrats, den sog. "Wirtschaftsweisen", Peter Bofinger. Mit der Wirklichkeit im Lande setzen sich die Autoren in ihren Texten auseinander. Im Buch befindet sich überarbeitetes und aktualisiertes Nachdenkseiten-Material der letzten gut 12 Monate.
Inhaltlich geht es um neoliberale Propaganda und Meinungsmache in vielen Variationen, die nach wie vor unvermindert auf uns einprasselt, und an der sich die sog. "Qualitäts-" und "Mainstream-Medien" oft nicht nur beteiligen, sondern sie selbst sogar aktiv befeuern. Des weiter geht es u. a. um das vorhersehbar gefloppte Bildungspaket für Kinder armer Familien, die Anti-Griechenland-Kampagnen nicht nur von BILD, wiederkehrende Verleumdungs-Kampagnen z. B.gegen Arbeitslose und Moslems, gezielte Falschbehauptungen über angeblich mögliche Steuersenkungen nur um die FDP zu stützen, das einseitig Reiche und Superreiche begünstigende neue Steuersystem des Prof. Kirchhoffs, CDU-Fernsehen als Hinterlassenschaft Leo Kirchs, sowie Guttenbergs Plagiat und der Verlust des Anstands deutscher Konservativer. Auch die Machenschaften des "sauberen" Carsten Maschmeyer und des Finanzdienstleisters AWD werden aus gegebenem Anlaß behandelt, ebenso ist die erstaunliche Atom-Wende der Bundesregierung nach der furchtbaren Katastrophe in Fukushima Thema, nachdem sie doch gerade auf dubiose Weise Laufzeitverlängerungen im Sinne der Energiekonzerne durchgeboxt hatte. Zu diesen und vielen anderen Themen finden sich Texte im vorliegenden Buch.
Albrecht Müller befasst sich u. a. mit den seit vielen Monaten laufenden realitätsresistenten Pro-Steinbrück-Kampagnen, und ruft in Erinnerung (Zitat):"Peer Steinbrück hat als Minister die Finanzmärkte in Fortsetzung von Eichels Arbeit dereguliert und die Spekulation mit Vermögenswerten erleichtert. Er ist zusammen mit der Bundeskanzlerin verantwortlich für eine extrem teure Bankenrettung, speziell von IKB, HRE, Commerzbank und einigen Landesbanken."
In dem nicht minder lesenswerten Text "Die Kanzlerin der Stammtische", räumt Jens Berger mit Merkels Falschbehauptungen über Griechenlands ach so viele Urlaubstage, "frühen" Renteneintritt und angeblich niedrige Arbeitszeiten auf. Während z. B. jeder Arbeitnehmer in Deutschland lt. OECD 1390 Stunden im Jahr arbeitet, sind es in Spanien 1654, in Portugal 1710, in Italien 1773, und in Griechenland gar 2119 Arbeitsstunden je Arbeitnehmer jährlich im Schnitt.
Wolfgang Lieb recherchierte der von der FDP angestrebten Pflege-Zusatz-Versicherung, dem "Pflege-Riester", hinterher, und stellt fest (Zitat):"Seit Jahren malen etwa die INSM, das Institut der deutschen Wirtschaft oder andere sogenannte "Experten" wie Rürup oder Raffelhüschen und natürlich die geballte Propagandamacht der Finanzdienstleister den demographischen Untergang nicht nur der gesetzlichen Rente, sondern auch der umlagefinanzierten Pflegeversicherung an die Wand: Nur die Kapitaldeckung könne eine angemessene Altersvorsorge und Pflege gewährleisten. Die Versicherungswirtschaft reibt sich die Hände." Zur von Rot-Grün eingeführten Riester-Rente schreibt Lieb (Zitat):"Die Kritik an der kapitalgedeckten Rente hat sich bestätigt.", und (Zitat):"Die negativen Erfahrungen mit der Riester-Rente werden nicht zur Kenntnis genommen. Die Angebote sind nicht durchschaubar, die (Abschluß-)Kosten in den meisten Fällen viel zu hoch. Die staatlichen Zulagen kommen nicht den Versicherten, sondern den Versicherungsunternehmen zugute..." Nicht mittlere und untere Einkommen profitieren von den Vergünstigungen, sondern Leute, die es am wenigsten nötig haben. Untere Einkommen landen TROTZ Riester bei einer Rente allenfalls auf Grundsicherungs-Niveau oder nur knapp darüber.
Die Autoren versammeln Lügen, Halbwahrheiten, Verzeichnungen des politischen Alltags und der (auch journalistischen) Propaganda des neoliberalen Mainstreams, und stellen sie richtig, so ist im Kapitel "Hoher Anstieg der Arbeitskosten - Wie sich das Statistische Bundesamt instrumentalisieren lässt" zu lesen (Zitat):"Der frühere BDI-Präsident und Talkshow-Stammgast Hans-Olaf Henkel wird nicht müde, zu behaupten, Deutschland habe die höchsten Arbeitskosten. Dabei liegt Deutschland mit 29,20 € deutlich hinter Dänemark mit 37,60 €, Schweden mit 35,90 €, Frankreich mit 33,10 €, Luxemburg mit 32,80 €, Niederlanden mit 30,40 €."
Diese und zahlreiche andere Themen des Jahres werden auf rund 270 Seiten wie gewohnt sachlich und faktengerecht aufbereitet. Das Buch ist nicht nur beste journalistische Aufklärung, sondern auch ein solides Nachschlagewerk für unglaubliche Ereignisse, Hirnrissigkeiten und Skandale des Jahres. Wer nun auf den Geschmack gekommen ist, kann auch gerne mal das Archiv der "Nachdenkseiten" im Internet durchstöbern - es lohnt sich garantiert. Gegen die aus Politik, Wirtschaft und Medien uns tagtäglich überflutende neoliberale Propaganda, Verdummung und Meinungsmanipulation ist Nachdenken alleine schon aus Notwehr zwingend erforderlich. Und dazu leisten Müller, Lieb und die NDS-Redaktion erneut einen wertvollen Beitrag.