Zum Verständnis des Buches von Jan Gross muss man sich einige geschichtliche Daten ins Gedächtnis rufen. Am 1. September 1939 überschritten die deutschen Truppen die polnische Grenze. Nur zwei Wochen darauf war der polnische Widerstand im wesentlichen zusammengebrochen. Am 17. September 1939 marschierte die Sowjetarmee als Verbündete des Hitler-Regimes in Polen ein und besetzte den östlichen Teil des Landes. Zwischen den beiden siegreichen Armeen wurde etwa entlang der Flüsse Bug und Narew eine Demarkationslinie abgesteckt. Jedwabne lag im sowjetischen Bereich. Der sowjetisch besetzte Teil Polens ist übrigens auch nach 1945 von der Sowjetunion nicht wieder preisgegeben worden, die dortige polnische Bevölkerung wurde später in den jahrhundertelang deutschen, nach 1945 aber von Deutschen gesäuberten Westtteil des neu geschaffenen Landes umgesiedelt.
Ende Juni 1941 griffen die deutschen Truppen die Sowjetunion an und überschritten die Demarkationslinie, sowie später auch die frühere polnisch-sowjetische Grenze. Nur 14 Tage darauf geschahen die Ereignisse, die Gross in diesem Buch schildert. Bis zu jener Zeit hatte es im deutsch besetzten, westlichen Teil Polens, dem sog. Generalgouvernement, keinerlei markante polnische Übergriffe, Pogrome oder ähnliches den dortigen Juden gegenüber gegeben.
Im Deutschen Reich wurde der Judenstern erst Monate später, im Herbst 1941, eingeführt, die Wannsee-Konferenz vom Januar 1942 stand noch in keinem Kalender, erst im Sommer 1942 wurde mit der Deportation der Juden aus den großen polnischen Gettos begonnen, die großen Krematorien von Auschwitz waren erst im Frühsommer 1943 betriebsfertig - und doch zögerten die katholischen Einwohner von Jedwabne im Juli 1941 keinen Augenblick, ihre jüdischen Mitbewohner zu erschlagen und zu verbrennen, als sich ihnen die Gelegenheit dazu bot.
Zwar wissen wir spätestens seit Erscheinen des Buches von David Epelbaum, „Nos Enfants de Papier", wie stark der Antisemitismus im 1918 wiedererstandenen Polen verbeitet war und dass die Maßnahmen der polnischen Behörden in den Jahren zwischen 1920 und 1939 z.T. erheblich über die Restriktionen hinausgehen, die nach 1933 in Deutschland den Juden gegenüber eingeführt wurden, doch deutet die Explosion des Hasses, die durch den deutschen Einmarsch in den zwei Jahre lang sowjetisch besetzten Teil Polens freigesetzt wurde, auf tiefere Gründe hin, zumal ähnliche Pogrome auch in den baltischen Ländern zu beobachten waren.
Die Deutschen standen solchen Ausbrüchen zwar durchaus wohlwollend gegenüber, doch wäre es interessant, die Motive für derartige Gewalttaten näher zu analysieren, nun solche Untersuchungen nach einem halben Jahrhundert des Obskurantismus möglich geworden sind. Jan Gross' Buch ist ein mutiger Schritt in dieser Richtung.