Es ist ein interessantes Phänomen: Bis Anfang der 60-er Jahre spielte der Holocaust in den USA praktisch keine Rolle; dann drängte er sich massiv in das Bewusstsein sowohl der Juden als auch der Nicht-Juden. In seiner fundierten und intelligenten Untersuchung spürt Peter Novick den Gründen für diese Entwicklung nach, beleuchtet den Einfluss des Kalten Krieges, der von der Holocaustproblematik als deutsches Phänomen ablenkte, sowie die Bedeutung der Staatsgründung Irsaels und der Nahostkrise, die bei den amerikanischen Juden - wenn eigentlich auch unbegründet - die Furcht vor einem weiteren Holocaust weckte, und die daraus resultierende breite pro-israelische Bewegung in den USA. Die Erinnerung an den Holocaust diene nicht zuletzt der Ablenkung legitimer Kritik an Israel. Im amerikanischen Inland fungiere die Shoah als Mittel, die jüdische Opferrolle zu pflegen und gesellschaftlich Nutzen aus ihr zu ziehen. Dies, so Novick, gelinge nicht zuletzt dank einflussreicher Juden im Medien- und Filmbusiness und eine Institutionalisierung des Gedenkens. Der These der Singularität und Unvergleichbarkeit des Holocaust erteilt der Historiker eine klare Absage. Und auch der Vorstellung, aus ihm ließen sich besondere Lehren ableiten, beurteilt er skeptisch, tritt statt dessen für eine Entsakralisierung ein. Im Gegensatz zu Finkelstein ist Novicks Buch wissenschaftlich fundiert und dürfte Anlass bieten, auch in Deutschland neu über das Holocaustgedenken, insbesondere seine möglichen Lehren und seine Vermittlung, nachzudenken. Novicks Buch ist nach Martins Walsers Friedenspreisrede ein weiterer schlagkräftiger Anstoß, sich damit auseinanderzusetzen, inwieweit der Holocaust droht, "Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung" (Walser) - oder inwieweit er es nicht längst geworden ist.