Aus der Amazon.de-Redaktion
RE 1245 Bei Bands ist das mit dem Älterwerden ja so eine Sache: Steht in einer Plattenkritik, eine Band sei erwachsen geworden, heißt das meistens soviel wie, daß ihr Sound nur noch lahm, glatt und unsexy klingt. Nicht so bei Tocotronic: Natürlich, wer
K.O.O.K. hört, merkt sofort, daß die vier Hamburger Schrammel-Philosophen reifer geworden sind, daß die Songs nachdenklicher und vom Tempo her zurückhaltender daherkommen -- die Punk-Kracher vergangener Tage fehlen fast völlig. Trotzdem sind Tocotronic hier mehr Tocotronic als je zuvor: Je öfter man das Album hört, desto mehr wachsen Songs wie Jackpot", Die neue Seltsamkeit" oder Jenseits des Kanals" zu schrägpoppigen Meisterwerken -- zurückhaltend, melancholisch aber von solcher Eindringlichkeit, daß ich aufpassen muß, hier nicht kitschig zu werden. Tocotronic sind erwachsen geworden -- und haben eine der größten deutschsprachigen Popplatten der auslaufenden Neunziger Jahre veröffentlicht.
--Karsten Krämer
INTRO
Die Sache hatte sich ganz gut eingespielt: während Tocotronic ihre wundervoll erzählten Geschichten musikalisch und textlich an auserwählten Stellen zu plakativen Slogans bündelten, antwortete die Rezeption quasi spiegelbildlich, indem sie selbst ihre Gedanken sloganhaft aufbereitete. Kein journalistischer Text deshalb, ohne daß die Rede war von Larmoyanz, Alltagselend und - natürlich - Identifikationspotential. Schließlich war an den vielen Stellen, an denen sich ein "Ich' gegenüber "den anderen' positionierte, meistens ein empirischer Autor erkennbar, der zwischen geklärten Fronten seine Position für Anschlüsse relativ offenhielt. Doch mit derartigen Klarheiten brechen Tocotronic spätestens jetzt. Sie tun dies, wie sollte es anders sein, mit einem der aufdringlichsten Slogans der Rockgeschichte, nämlich der fanfarenhaften Keyboardmelodie von "The Final Countdown'. Let there be rock - oder auch die langweiligste Landschaft der Welt. Zusammen mit den klar abgegrenzten anderen verschwindet dann ebenso der Autor inmitten von ungeklärten Seltsamkeiten und fließenden Instrumentalpassagen. Die Bedeutungen selbst sind ihm abhanden gekommen; nicht mal mehr von Rätseln kann gesprochen werden. Andererseits sind da natürlich noch die obligaten Sommertage. Es wird gegrillt und getrunken, aber einfach ist das nicht, wenn einem schon im zweiten Stück der Bissen im Hals steckenbleibt. Da mögen die Analog-Synthies noch so blubbern, gegen die finale Spröde der von Michael Acher eingespielten Bläser kommen sie nicht an.
Sven Opitz / © Intro - Musik & so
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