Gibt es einen anderen Kapitalismus?
Ja, es gibt ihn, muss ihn geben. Doch er wird nirgends bereits gelebt, wir können ihn nicht finden, sondern müssen ihn erfinden. De Weck schreibt ein kleines Weissbuch dazu.
Zuerst könnten wir uns daran erinnern, dass der Kapitalismus nicht nur vom Kapital, sondern eben auch von der Arbeit lebt. Doch während Arbeit ortsgebunden, meist kräftig besteuert und als Kostenfaktor verschrien ist, ist Kapital mobil, grenzenlos und vielerorts steuerbefreit und leider: akkumuliert in wenigen Händen. Es gibt heute den Steuerwettbewerb. Wer über Kapital verfügt, wird von den Steuerhoheiten hofiert, wer Arbeit leisten will, ist Bittsteller, einer von vielen. Und der Staat? Notwendiges Übel. Auffangbecken für die, die vom freien Markt zermalmt und ausgespuckt wurden. Der Staat ist ineffizient und teuer.
"Der Vorsitzende der Schweizer Privatbankiers Konrad Hummler, sagte es rundheraus: "Ein Glaubensbekenntnis von mir ist, dass jeder Franken, der am Staat vorbeigeht, ein gut eingesetzter Franken ist, weil er weniger Schaden anrichtet." [15]
"Wird - wie heute - der eine Produktionsfaktor gegenüber dem anderen systematisch privilegiert, geraten Volkswirtschaft und Gesellschaft in Schieflage. Angestellte und Arbeiter ziehen auch dann den Kürzeren, wenn nach der Schuldenkrise der Abbau der "Krisenschulden" über eine hohe Inflation erfolgt und die Geldentwertung ihre Ersparnisse, ihre Pension dezimiert." [16]
De Weck sieht einen Ansatzpunkt in der Rückführung des Verhältnisses von Staat und privater Wirtschaft zur Symbiose. Mehr noch, er sieht den Staat als wesentlichen Produktionsfaktor und Leister von unverzichtbaren Garantien.
"Nicht nur Grossbanken geniessen eine Staatsgarantie, sondern auch alle Kernkraftwerke, deren Höchstrisiko kein privater Versicherer zu schultern wagt."[19]
Und wer Garantien bezieht, hat dafür zu zahlen und zwar gestalten sich die Prämien nach dem Risiko, das der Verischerungsnehmer zu fahren beabsichtigt.
Mancher, der unter Arbeitsbedingungen gelitten hat, hat es schon geahnt, wagte aber gar nicht zu denken, was De Weck durch ein Zitat von Laurent Quintreau ausspricht:
"Unternehmen sind totalitär strukturiert, ihre Rituale sind totalitär aufgebaut." [21]
Da man vor der Krise hätte meinen können, der Staat sei ein Auslaufmodell, weil ja der Markt selber viel besser steuern kann, stellt De Weck ab Seite 24 die 10 Mängel des Marktes zusammen. Sehr eindrücklich formuliert z.B. in einem Zitat von Amartya Sen:
"Hat einer fast nichts anzubieten, kann er auch fast nichts nachfragen und wird deshalb den Kürzeren ziehen gegenüber anderen, deren Bedürfnisse wesentlich weniger dringlich sind." [25]
Doch im Verlauf der Untersuchung dringt eines immer wieder durch. Die Vermutung, dass intellektuelle Konzepte und Bekenntnisse auch dann noch zu schwach sein könnten, wenn sie sich von einer funktionierenden Demokratie getragen wissen.
"Möglich ist freilich auch das gegenteilige, gewalttätige Szenario: Im Verteilungskampf um knappe Resourcen, deren Wert unaufhaltsam steigt, wachsen sowohl die Begierde als die Überlebensnotwendigkeit, sich immer mehr "Güter der Erde" auf Kosten der Mitmenschen privat anzueignen, allen voran das Wasser. Das Feld dessen, was Privatbesitz sein darf, würde sich immerfort ausdehnen. Politische Konflikte und Kriege wären die Folge." [62]
Schon Adam Smith, eben nicht nur der Autor von "The Wealth of Nations", sondern auch der Autor von "The Theory of Moral Sentiments", wusste, dass Ökonomie mehr sein muss, als eine Technik zur Akkumulation von Kapital:
"Zurück zu Adam Smith und seiner "Theorie der ethischen Gefühle", wonach Freiheit auf dem Mitgefühl und der Verantwortung für die Mitmenschen gründet." [88]
Fazit
De Weck hat ein dichtes, kurzes und atemloses Buch geschrieben. Auf einer Hatz nach den Ungerechtigkeiten des modernen Kapitalismus schrammen wir an allem vorbei, was dabei irgendeine Rolle spielt. De Weck prangert an, zieht Fazit um Fazit, erstellt Listen, geht 2000 Jahre zurück zu Tacitus, befragt den Nobelpreisträger von 1998, Amartya Sen, erinnert sich an das Rehabilitationsfähige bei Marx, findet Konzepte bei Böckenförde, Binswanger, Sik, Proudhon und gemahnt mit Paul Virilio zur Langsamkeit. Das ist viel und zeugt von stupender Belesenheit des Autors. Es lässt aber auch die Frage zu, ob es genug sein kann. Ich habe in dem Text nach einem roten Faden gesucht und eigentlich deren zwei gefunden. Zum einen die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann und dass wir alle als verwöhnte Konsumenten endlich aufwachen müssen - und zum anderen, dass wir der mittlerweile beeindruckenden Apparatur der Kapitalinteressen eigentlich wenig entgegensetzen können.
Die zentrale Frage des Buches lautete: Gibt es einen anderen Kapitalismus? Die Antwort könnte lauten: man kann ihn zumindest denken und man muss ihn denken. Doch eine andere Frage taucht auf und ist von grösster Dringlichkeit: Können wir den Umbruch zu einem neuen Kapitalismus (der ökosozialen Marktwirtschaft) in geordneten Bahnen vollziehen?
"Die Geschichte gibt wenig Anlass zur Hoffnung, dass sich der weltweite Laissez-faire leicht reformieren lässt. Immerhin haben sich westliche Regierungen erst nach Katastrophen der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs aus dem Griff älterer Orthodoxien des freien Markts befreit. Unwahrscheinlich also, dass man gangbare Alternativen zum Laissez-faire findet, bevor es nicht erneut zu einer Wirtschaftskrise kommt. Diese allerdings wird dann wesentlich gravierender sein, als alles, was wir bislang erlebt haben." [104, Zitat von J. Gray]
Dieses Buch leistet viel auf wenig Papier. Was mir zu kurz gekommen ist, ist die Frage nach den konkreten Möglichkeiten (und Gefahren) das Gedachte ins Werk zu setzen. Ist die EU fähig die Stimmen der Bürger zu hören und zu bündeln? Regiert in den USA wirklich noch der amerikanische Präsident? Was geschieht, wenn die Natur unverkennbar eine Rechnung vorlegt, die nicht einmal mehr via Inflation sozialisiert werden kann? 4 Sterne.