- Taschenbuch: 736 Seiten
- Verlag: Siedler Verlag (4. September 2000)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3886803295
- ISBN-13: 978-3886803293
- Größe und/oder Gewicht: 24,4 x 18 x 6,5 cm
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Produktinformation
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Von der Katastrophe zur Wiedervereinigung
Eine Geschichte Deutschlands 19451990
Nicht immer lässt sich eine zeitgeschichtliche Darstellung sinnvoll auf einen klar definierten Abschnitt der jüngeren Vergangenheit bemessen. Oft bleibt dem Ermessen des Autors überlassen, an welchem Punkt er die Feder niederlegen und wo er die Gegenwart beginnen lassen will. Die deutsche Geschichte zwischen den beiden dramatischen Wendepunkten von 1945 und 1989/90 bietet sich demgegenüber als in sich geschlossenes Thema geradezu an. Es ist die Geschichte der deutschen Teilung und ihrer Überwindung.
Die Geschichte des geteilten Deutschland von der Katastrophe der Niederlage am Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Wiedervereinigung ist Gegenstand eines dickleibigen Bandes in der vom Siedler-Verlag unter dem Obertitel «Die Deutschen und ihre Nation» herausgegebenen Reihe historischer Darstellungen. Autor ist der an der Universität Mannheim lehrende Politikwissenschafter und Historiker Peter Graf Kielmansegg. Die Geschichte Deutschlands, das schliesst auch die Geschichte der DDR von ihrer Gründung bis zu ihrer Selbstauflösung im Beitritt zur westdeutschen Bundesrepublik ein. Allerdings handelt es sich nicht um eine parallele Darstellung der Entwicklung in den beiden deutschen Teilstaaten. Der wesentliche Inhalt ist die Geschichte der unter Mithilfe der westlichen Besetzungsmächte geschaffenen Bundesrepublik Deutschland, während das von der Sowjetunion in ihrer Zone installierte Regime relativ kurz abgehandelt wird.
Eine Erfolgsgeschichte
Dieses Vorgehen rechtfertigt sich für Kielmannsegg schon daraus, dass er die Geschichte des westdeutschen Teilstaats eine Erfolgsgeschichte nennt, deren Resultat die heutige, im europäischen und atlantischen Zusammenhang integrierte, demokratisch und rechtsstaatlich verfasste Bundesrepublik ist, während der Versuch eindeutig gescheitert ist, im östlichen Teil des um seine Ostgebiete amputierten Deutschland gegen den Willen der Deutschen einen sozialistischen Staat sowjetischer Prägung zu errichten. Im Rückblick von der Jahrhundertwende an erscheinen die wesentlichen Weichenstellungen Adenauers Entscheidung für die Westintegration auf Kosten früher Einheitshoffnungen, Brandts Ostpolitik unter begrenzter Hinnahme der im Osten geschaffenen Realitäten und die von Schmidt und Kohl durchgesetzte Standhaftigkeit gegenüber der nuklearen Machtpolitik der Sowjetunion durch den erfolgreichen Ausgang gerechtfertigt. Dennoch versäumt es der Verfasser natürlich nicht, sich eingehend mit den Gegenpositionen zu befassen, die seinerzeit von der jeweiligen Opposition eingenommen wurden und die ihre Spuren in der gesamten Publizistik der Zeit vor der Wiedervereinigung hinterlassen haben.
Gründung vor Debatte
Den Deutschen in den westlichen Besetzungszonen verschaffte der sich schon kurz nach der Niederlage abzeichnende Ost-West-Konflikt eine günstige Ausgangsposition für die rasche Ablösung der fremden Militärherrschaft durch eigene staatliche Strukturen. Das Interesse an einer wirtschaftlichen Wiederbelebung und die abschreckende Wirkung der im Osten vor sich gehenden Sowjetisierung kamen dem Wunsch der Alliierten entgegen, Westdeutschland durch Hilfe im wirtschaftlichen Wiederaufbau und in der Schaffung demokratischer Institutionen gegen sowjetische Expansionspläne abzusichern. Der Verfasser betrachtet es als eine günstige Fügung, dass die grossen Debatten um den Vorrang von Westintegration oder Wiedervereinigung erst nach der entscheidenden Währungsreform und nach der Gründung der Bundesrepublik einsetzten. Der politische Wiederaufbau über Landtagswahlen in den einzelnen Ländern, den aus den Landtagen bestellten Parlamentarischen Rat und die Ratifizierung des Grundgesetzes durch die Landtage, dessen Resultat ausdrücklich als Provisorium bezeichnet wurde, konnte so nahezu ungestört vor sich gehen. Das Bemühen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, die Errichtung des Weststaats mit nationalen Argumenten zu unterlaufen, krankte von Anfang an, wie der Verfasser betont, an dem Zwiespalt in der Interessenlage der SED, die im Auftrag der Sowjetunion für ein Gesamtdeutschland einzutreten hatte, selber aber für das Gelingen ihrer Herrschaftspläne auf den Weiterbestand eines separaten ostdeutschen Staatswesens angewiesen war.
Schicksalsentscheidung für den Westen
Auch nach der glücklich vollzogenen Wiedervereinigung von 1990 ist für Kielmansegg eine gründliche Erörterung der seinerzeitigen Schicksalsfrage nach der Priorität von Westintegration oder Wiedervereinigung in den frühen fünfziger Jahren nicht überflüssig. Wären die vierzig Jahre kommunistischer Parteidiktatur mit ihren verheerenden Folgen für die von ihr betroffenen Deutschen in der DDR zu vermeiden gewesen? Der Autor kommt eindeutig zum Schluss, dass Adenauer, der die sowjetischen Lockangebote einer durch Neutralisierung erkauften Einheit als verhängnisvolle Versuchung ansah, mit seinem Beharren auf der Westbindung bis zur Konsequenz der Wiederbewaffnung in dieser Schicksalsfrage die einzig realistische Entscheidung getroffen habe. Dabei neigt er auch in Bezug auf Adenauers Wiedervereinigungsrhetorik, die teilweise geeignet war, falsche Hoffnungen zu wecken, zu einer milden Beurteilung. Generell hält er es für falsch, die Diskussion, so wie es geschehen ist, ganz auf die Person Adenauers und dessen rheinländische Prägung zuzuspitzen. Nach seiner Ansicht hätte jede andere Regierung früher oder später zum gleichen Resultat kommen müssen.
Notwendige Ostpolitik
Berlinkrise und Kubakrise führten der Welt vor Augen, wie gefährlich nahe sie der Katastrophe eines Nuklearkriegs gekommen war. Entspannung und Stabilisierung des Verhältnisses zwischen den Supermächten drängten sich auf, dies setzte jedoch eine Respektierung des Status quo in Europa voraus, den die Bundesrepublik mit ihrem Anspruch auf Aufhebung der deutschen Teilung nicht hinzunehmen vermochte. Damit geriet sie in Gefahr, sich ihren westlichen Verbündeten zu entfremden. Auf die Frage des Autors, weshalb man in Bonn so lange gebraucht habe, die «Unvermeidlichkeit des Unvermeidlichen» zu begreifen, gibt er sich selber die Antwort, dagegen habe die «Unerträglichkeit des Unerträglichen» gestanden. Die Bundesrepublik hätte schon aus Rücksicht auf die Deutschen im Ostteil des geteilten Landes kein Recht gehabt, der durch Deutschland gezogenen Grenze und dem Satrapenregime der DDR ihren zukünftigen Bestand zu garantieren. Es galt darum, die «richtige Balance» zwischen Anerkennung und Nichtanerkennung zu finden, um einerseits «politikfähig» nach Osten hin zu bleiben, andererseits den grundsätzlichen Vorbehalt gegenüber der Existenz der DDR nicht aufzugeben. Der von Egon Bahr vorgedachten und durch Brandt und Scheel ins Werk gesetzten Ostpolitik billigt er zu, diese Balance eingehalten zu haben.
Zu den heftigen Auseinandersetzungen um die Ratifizierung der Ostverträge urteilt der Autor salomonisch, etwas mehr Verständnis auf Seiten der Protagonisten des neuen Kurses gegenüber dem, was namentlich den Älteren unter den Deutschen zugemutet wurde, wäre «hilfreich» gewesen, andererseits wäre auf Seiten der Opposition «mehr Abgrenzung gegen das törichte nationalistische Pathos der Ausverkaufs- und Verratsvorwürfe geboten» gewesen. Er hält es für möglich, dass die Regierung das Recht auf Wiedervereinigung nicht so hartnäckig verteidigt hätte, wenn sie von der Opposition weniger bedrängt und nicht mit der Drohung einer Verfassungsklage konfrontiert worden wäre. Insofern billigt Kielmansegg der CDU/CSU «eine Art von konstruktivem Beitrag» zu den Ostverträgen zu. Einen grossen Gewinn sieht er in der Sicherung der Überlebensbedingungen Westberlins, dann aber auch in der erworbenen aussenpolitischen Bewegungsfreiheit Bonns. Auf der Negativseite verbucht er die Feststellung, dass «man in den siebziger und achtziger Jahren weithin vergass, mit wem man sich da eingelassen hatte, vielleicht auch glaubte, es vergessen zu müssen». Aus den weitergedachten Zielsetzungen der von Bahr konzipierten Ostpolitik, die auf eine Herauslösung der beiden deutschen Staaten aus ihren Bündnissen hinausliefen, hätte eine Gefahr für das Vertrauen in die deutsche Bündnistreue entstehen können. Diese wurde mit der Ablösung Brandts durch Helmut Schmidt hinfällig.
Zerreissprobe unter Schmidt
Dass die deutsche Position an der vordersten Front des Ost-West-Konflikts es unerlässlich machte, der amerikanischen Bündnisvormacht nie Grund zu Zweifeln an der eigenen Zuverlässigkeit zu geben, bildet auch für diese Darstellung den entscheidenden Bewertungsmassstab für die Zeit des Kalten Krieges. Der sozialdemokratische Bundeskanzler Helmut Schmidt war in seiner Amtszeit Garant dieser Verlässlichkeit. Dennoch häuften sich in den achtziger Jahren die Meinungsverschiedenheiten, als die Vereinigten Staaten nach den Ereignissen in Afghanistan und Polen auf Konfrontationskurs zur Sowjetunion gingen, die Bundesrepublik aber weiterhin auf Entspannung bedacht blieb. Schmidt sah aber schon früh, dass die Herausforderung durch die sowjetische Stationierung von Mittelstreckenraketen eine entschlossene Antwort der Nato unerlässlich machte. Der im Verein mit den Verbündeten gefasste Nachrüstungsbeschluss löste in Deutschland eine in solchem Umfang nie vorher gesehene Protestbewegung aus. Schmidts Festhalten an den Grundsätzen der atlantischen Sicherheitspolitik gegen den Druck der Massendemonstrationen kostete ihn das Vertrauen seiner Partei, die bereitwillig die pazifistischen Parolen übernahm. Die besondere deutsche Konstellation mit der FDP als machtentscheidendem Faktor ermöglichte 1982 den verzugslosen Übergang zu einer neuen Koalition, die dem Sog der Massenbewegung standhielt. Krise und Niedergang der Sowjetunion liessen schon bald vergessen, wie nahe die Nato einem Scheitern mit unabsehbaren Folgen gekommen war.
Stabile Demokratie
Der rasche Gang durch die Ereignisgeschichte, die nur etwas mehr als ein Drittel des Bandes in Anspruch nimmt, leitet über zu einem breit angelegten Panorama der gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Der Autor betrachtet es als Glücksfall, dass der frühen Bundesrepublik schwere Auseinandersetzungen um die Rolle der Gewerkschaften und um die Ansprüche der aus den Ostgebieten Vertriebenen erspart geblieben seien. Ähnlich beurteilt er den Aufstieg der CDU zur dominierenden Massenpartei wie auch die Wandlung der SPD zur staatstragenden Partei mit dem Godesberger Programm. Er befasst sich, ohne zu werten, aber mit Verständnis für die daran geübte Kritik, mit den Auswüchsen des deutschen Parteiensystems, das die Besetzung öffentlicher Ämter ausschliesslich den Parteien überlässt. Er erwägt die Problematik des bundesdeutschen Föderalismus, der infolge der unterschiedlichen Kadenz von Bundes- und Landtagswahlen und der Konstruktion des Bundesrates als Vertretung der Länderregierungen die politischen Lager zu einer permanenten Konsenssuche anstelle parlamentarischer Mehrheitsentscheide zwingt.
Einen entscheidenden Einschnitt sieht er im Wertewandel der sechziger Jahre, der weit über den Machtwechsel von 1969 hinauswirkte. Die besondere Virulenz der deutschen Studentenbewegung resultiert für ihn aus der Nachwirkung der deutschen Vergangenheit, aus der Kritik der Söhne an den Taten und Unterlassungen der Väter, im Zeichen einer temporären Wiederbelebung marxistischer Revolutionstheorien. Abgesehen von den terroristischen Verirrungen, die die Öffentlichkeit jahrelang in Atem hielten, aber den Rechtsstaat Bundesrepublik nicht ins Wanken zu bringen vermochten, wirkten die organisierten Studentenproteste als Vorläufer zahlreicher Sozialbewegungen und Bürgerinitiativen, die das politische Leben der siebziger und achtziger Jahre belebten und veränderten.
Im gleichen Zeitraum fanden die Deutschen nach der Meinung Kielmanseggs, der sich auf demoskopische Daten stützt, aber auch zu einer uneingeschränkten Bejahung ihres demokratischen Staatswesens. Das «Wirtschaftswunder» und der Ost-West-Konflikt hatten der jungen Demokratie in den Anfängen geholfen, trotz weiterhin vorhandenen vordemokratischen Einstellungen Wurzeln zu schlagen. Inzwischen hat sich die Bundesrepublik in ihrer politischen Praxis, auch als Folge des Wertewandels, selbst stabilisiert und ist zu einer Demokratie unter andern geworden, wenngleich, wie der Autor kritisch anmerkt, die etatistische Tradition insofern nachwirkt, als der deutsche Bürger einen starken, leistungsfähigen und leistungsbereiten Staat als selbstverständlich voraussetzt und in Anspruch nimmt.
Der Autor pflegt einen nüchtern sachlichen Stil ohne rhetorische Glanzpunkte. Seine Beurteilungen, auch in parteipolitisch umstrittenen Fragen, erscheinen gut begründet und plausibel. Weit über den Ablauf der Zeitgeschichte hinaus kann dieses Werk als ein Handbuch der bundesrepublikanischen Wirklichkeit bis zur Wende dienen. Es verdient aber auch, im Zusammenhang gelesen und überdacht zu werden.
Christian Kind
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