Mit "Nach Hause schwimmen" meldet sich der Autor Rolf Lappert nach längerer Abwesenheit wieder auf dem Buchmarkt zurück und sein Comeback hätte nicht besser sein können, denn es ist lange her, daß mich ein Roman wirklich so gefangen genommen hat wie dieser hier.
Der Held in Rolf Lapperts Roman ist der körperlich zu kurz geratene und vom Schicksal arg gebeutelte Wilbur. Wilbur scheint das Pech gepachtet zu haben und in den erst 20 Jahren seinen Lebens hat er schon so viele Schicksalsschläge einstecken müssen wie anderen in ihrem ganzen Leben nicht. Als schwaches 7-Monats-Kind kommt er in Amerika zur Welt, seine irische Mutter stirbt jedoch bei der Geburt und sein schwedischer Vater läßt ihn im Stich und verschwindet spurlos. Wilburs erstes Zuhause ist der Brutkasten, seine ersten Bezugspersonen sind liebevolle, aber ständig wechselnde Krankenschwestern, an die der Winzling sein Herz hängt. Die erste Zeit verbringt er in einem Kinderheim, bis ihn seine Großmutter Orla nach Irland holt. Bei Orla verlebt Wilbur glückliche Kinderjahre. Er ist ein introvertiertes aber hochbegabtes Kind, was ihn schnell zum Außenseiter werden läßt. Als seine Großmutter bei einem Unfall ums Leben kommt, der indirekt leider von Wilburs bestem Freund Conor verursacht wird, verliert Wilbur mit einem Schlag seine wichtigsten Bezugspersonen. Für ihn beginnt eine Odyssee durch Pflegefamilien und Jugendbesserungsanstalten. Die Suche nach seinem Vater endet in einem Fiasko, Wilbur entwickelt sich immer mehr zu einem Neurotiker und unternimmt schlußendlich einen Suizidversuch.
Mit diesem Suizidversuch beginnt das Buch, denn Wilburs Geschichte wird in zwei Erzählsträngen erzählt. Im ersten Erzählstrang berichtet ein distanzierter Erzähler über Wilburs Leben vor dem Suizidversuch, seine Kindheit in Kinderheimen, Pflegefamilien und Jugendbesserungsanstalten sowie über die erfolglose Suche nach seinem Vater.
Im zweiten Erzählstrang schildert Wilbur als Ich-Erzähler selbst die Zeit nach seinem Suizidversuch, seinen Weg zurück ins Leben, seinen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik und sein Leben in einem Hotel für Männer, in das er sich verkriecht. In der Psychiatrie für Selbstmörder lernt Wilbur die junge und charmante Aimee kennen und verliebt sich in sie. Aimee ist es letztendlich auch, die Wilbur dazu bringt, seine bisherige Lebensweise in Frage zu stellen. Wilbur durchwandert einen Lernprozeß und durch die Ich-Erzählung nimmt man als Leser unmittelbar an der Gedanken- und Gefühlswelt des Protagonisten teil. Beide Erzählstränge sind so gekonnt miteinander verwoben, daß sie eine regelrechte Sogkraft entwickeln.
Auch wenn es im ersten Moment den Eindruck erweckt - Rolf Lappert hat alles andere als einen bedrückenden und auf die Tränendrüse drückenden Roman geschrieben. Wilbur ist ein auf charmante Art skurriler und unglaublich liebenswürdiger Neurotiker. Seine Geschichte ist eine gelungene Mischung aus Ernsthaftigkeit und Tragikomik, ohne hierbei ins Lächerliche abzurutschen. Die Geschichte ist komplex, aber nicht überfrachtet, flüssig und flott erzählt. Die Charaktere bis hin zu den Nebencharakteren sind ausgefeilt und vielschichtig und alles andere als stereotyp oder klischeehaft. Rolf Lappert erzählt in einer schönen, klaren und schnörkellosen Sprache und ohne irgendwelche intellektuellen Verrenkungen. Er wertet nicht, sondern überläßt das dem Leser.
Ein wirklich lesenswertes Buch!