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Der iranischen Filmemacherin Siba Shakib treibt es Zornestränen in die Augen, als sie in einem UN-Übergangslager für afghanische Rückkehrer die Geschichte der Frau in der Burka zu hören bekommt. Freimütig berichtet Shirin, wie russische Soldaten damals ins Dorf drangen. Man wusste, was sie wollten. Shirins Schwestern stellten sich zur Verfügung. "Russen schlitzen" nannten sie es, wenn sie danach einen von ihnen töten konnten. Die Vergeltungsmaßnahmen der Russen, Vergewaltigungen und Hinrichtungen -- zu ungeheuerlich, um hier wiedergegeben zu werden.
Der "Süßen Blume", wie Shirins Name übersetzt lautet, gelang schließlich die Flucht aus ihrem zerstörten Dorf nach Kabul. Dort erwartete sie die Russenschule. Bildung und Wissen, erkennt Shirin, bieten eine Aussicht. Drei zerfledderte Bücher besitzt sie noch. Ein Anfang. Dann kamen die Taliban. Erneut diese ausgehungerten Männerblicke, diesmal gottesfürchtig und streng, ständig auf der Suche nach Verfehlungen, die sie mit Rutenhieben ahnden konnten. Macht, aus nichts geboren als purer Ohnmacht.
Nach der Zerschlagung des Taliban-Regimes schreien immer mehr Frauen ihren jahrelang unterdrückten Schmerz hinaus. Ein weiterer erschütternder Leidensbericht stammt von Latifa. Nach Lektüre ihres weltweit erfolgreichen Buchs Das verbotene Gesicht, schleicht sich unwillkürlich ein fast kindlich naiver Gedanke ein: Wie wahrhaft tröstlich und sinnstiftend wäre ein Gott, der dieses geschundene Land und Menschen wie Shirin und Latifa, nicht nur zum Beweinen aufsuchte, sondern seine göttliche Macht handelnd einsetzte! --Ravi Unger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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In ihrem Buch schildert die deutsch-persische Autorin Siba Shakib die Geschichte der afghanischen Flüchtlingsfrau Shirin-Gol, die sie an der afghanisch-iranischen Grenze kennen gelernt hat. Anspruch auf Authentizität und damit dokumentarischen Wert hat diese Geschichte jedoch nicht, wird die Autorin doch in SPIEGEL-Online mit folgenden Worten zitiert: "Ich habe Shirin-Gol vor Augen gehabt, während ich geschrieben habe. Aber allein um sie zu schützen, habe ich einige Ereignisse in ihrer Biografie verändert, ihr Geschichten hinzugedichtet und andere weggelassen.“ Was da hinzugedichtet und weggelassen wurde, ist nicht immer genau auszumachen. Ein afghanischer Leser stellt jedoch schnell fest, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugehen kann:
Dass jungfräuliche Afghaninnen vom Lande von ihren Eltern in eine Mission geschickt werden, bei der sie russischen Soldaten als Sexköder dienen sollen, ist äußerst unglaubwürdig. Wer die rigiden afghanischen Moralvorstellungen über die Ehre der Frau kennt, wird hier nur ungläubig mit dem Kopf schütteln. Auch historisch und geographisch ist einiges durcheinandergeraten: Shirin-Gols Dorf soll im Einflussbereich von Shah Massud (S. 47), jedoch nicht im Norden von Kabul (S. 54) liegen. Dass die Autorin sich nicht die Mühe gemacht hat, die neuere Geschichte Afghanistans auch nur ansatzweise zu studieren, zeigt sich unter anderem daran, dass bei ihr unmittelbar nach dem Abzug der Russen der Bürgerkrieg in Kabul losgeht, und dass Nadschibullah noch Präsident war, als er von den Taliban hingerichtet wurde (S. 60-61). Die in Pakistan liegenden tribal areas werden von Shirin-Gol auf dem Weg von Kabul nach Jalalabad passiert (S. 63). Dass die USA 35,000 Araber nach Afghanistan geflogen und dort ausgebildet haben sollen (S. 259) ist grober Unfug und kann vielleicht noch mit der Ignoranz Shakibs entschuldigt werden, dass aber Amerikaner sich an Afghanistans Uran (!), Gold und Opium vergriffen haben, wie die Autorin unkommentiert einen Ladenbesitzer sagen lässt (S. 275), mutet wie dummdreiste Propaganda an.
Shakibs Buch ist also nicht im geringsten dazu angetan, historisch, geographisch, ethnologisch oder soziologisch über Afghanistan zu informieren. Es kommen zwar einige in eigenwilliger, „bewusst nicht an westlicher Schreibart“ (was immer das sein soll) orientierte Transliterationen afghanischer Namen und persischer Wörter vor, die indes weit davon entfernt sind, das afghanische Persisch (Dari) phonetisch wiederzugeben, siehe etwa „Daoud“ (S. 272) oder „Tashak-kor“ (S. 293). Jedoch werden diese Persisch-Einsprengsel oft noch nicht einmal übersetzt, und ein erhellendes Stichwortverzeichnis fehlt auch.
Bleibt die Frage, ob die Geschichte der Shirin-Gol als Fiktion einen literarischen Wert hat. Es fallen sofort zwei wesentliche Stilmerkmale der Geschichte auf. Erstens das Fehlen eines roten Fadens: Die Episoden in der Biographie Shirin-Gols sind nur lose miteinander verbunden, und meistens wird dem Leser nicht vermittelt, was die Motive für die verschiedenen Stationen von Shirin-Gols Wanderschaft sind. Warum ist sie beispielsweise nach ihrem Aufenthalt in einem pakistanischen Flüchtlingslager plötzlich in einem abgelegenen Dorf des Hazarajat? Wie hat sie die Reise dorthin (mindestens sechs Tagesmärsche) mitten durch ein Kriegsgebiet gestaltet?
Das zweite auffällige Stilmittel ist eine Neigung zur ausufernden Kompositabildung, oft verbunden mit sinnentleerten Wiederholungen unter Weglassung eines bestimmten oder unbestimmten Artikels. Beispiele: „Blutmorad“ (S. 93), „Opiummorad“ (S.110), „Vorrat für den Winter. Wintervorrat“ (S.133), „Krieg in Frieden. Friedenkrieg. Kriegfrieden“ (S.137), „Männerlust legt sich auf Jungenkörper. Ein Mann befriedigt seine Lust. Männerlust“ (S. 180). „Mutter ohne Farbe im Gesicht hat die Farbe im Gesicht verloren“ (S.228), „Shirin-Gol hat Geschmack von Galle im Mund. Gallengeschmack.“ (S.268). Jede einzelne dieser Stilblüten ist dazu angetan, als Mordwaffe gegen Reich-Ranicki und andere Freunde der deutschen Sprache zu dienen und vielleicht von Autorin und Lektorin (Claudia Vidoni) auch als solche gedacht.
Siba Shakib behauptet jedoch in SPIEGEL-online, dass sie versucht habe "die Eigenheiten, den Rhythmus und den Klang der [persischen] Sprache ins Deutsche zu übertragen." Jeder dari-sprachige Afghane und wohl auch jeder Perser wird bestätigen, dass dieses Vorhaben gründlich misslungen ist. Weder gibt es in der persischsprachigen Literatur den Hang zur exzessiven Kompositabildung noch jenseits aller Poetik liegende Wiederholungen. Und dass es im Persischen keinen determinierten Artikel gibt, rechtfertigt noch lange nicht, diesen im Deutschen ebenfalls wegzulassen.
Möglicherweise finden viele unbedarfte Leser Gefallen an dem „exotischen“ und „orientalischen“ Stil dieser Geschichte und fühlen sich danach besser über Afghanistan informiert. Für einen Afghanen-Kenner ist dieses Machwerk jedoch eine schallende Ohrfeige.
Mitgeteilt wird aus der Sicht Shirin-Gols nicht nur das ganz normale Leben der Frauen, Mütter und Familien Afghanistans vom Einmarsch der Russen 1979 bis kurz vor den amerikanischen Bombardierungen; sondern - ohne reißerisch zu sein- ermöglicht es einen unter die Haut gehenden Zugang zu uns fremder Kultur und Tradition, in welcher Shirin-Gol lebt, sowie zu Individualität und Eigen-Sinn, zu denen sie sich entwickelt.
Die Abfolge des verwickelten Wahnwitzes der Kämpfe zwischen Invasoren und Inländern kommt ebenso zum Ausdruck wie die Folgen der Entwurzelung. Zugleich kann man aber auch über die unauslöschliche Verbindung zur Heimat und den Märchenschatz Afghanistans von Sheherazad bis zu den dreißig Vögeln , dem "Simorgh", lernen.
Shirin-Gol ist -im Gegensatz zu vielen ihrer Landsmänninen- eine starke Frau, die die Erlebnisse ihrer Leidensgenossinnen teilt: Hunger, Flüchtlingslager, Vergewaltigungen, die Zahl der Kinder wächst wie die Not.
Nach „soundsovielen Jahren", so Shirin-Gol, derartiger Erlebnisse weiß sie selbst nicht mehr genau, ob es nun „gut" oder „schlecht" ist niemals ein Zuhause zu haben, dafür aber noch alle Beine und Arme. Oder ob es gut ist, die eigene Tochter an einen Taliban zu verheiraten?
„Freudentränen oder Tränenfreude"? In vielen Gegensatzpaaren drückt die Autorin kunstvoll die Zwiespältigkeit der Existenz unter den gegebenen Bedingungen aus.
Es stellt sich die Frage, für wen oder was, in welchem Namen hier gelebt und gestorben wird? Für Afghanistan, die Mudjahedin, die Russen, den Koran, die Amerikaner?
Eine aufschlußreiche Darstellung für alle Afghanistaninteressierten.
Unter Lebensmüdigkeit und Notwendigkeit wächst bei Shirin Gol notgedrungen der Blick einer Frau:
Scherze entstehen in einem Gespräch unter Frauen über die Frage, ob sie sich auch ohne Männer verteidigen könnten: Was machst Du mit dem dritten, der dich überfällt? „Der dritte? Ja, das ist der Schönste. Der Stärkste von allen.... dem werde ich sein Leben schenken. Ich werde ihn für mich selber behalten." „Und was machst Du mit dem Schönsten?" „Ich mache mit ihm, was immer ich will.", sagt eine Ärztin. Und während sie sich in der Nähe einiger Taliban ungesehen vor Lachen in die Arme fallen, denkt Shirin-Gol laut, fast unbewußt, für alle Frauen: Das ist Widerstand.
Ich habe dieses Buch in zwei Nächten durchgelesen, weil es sehr fesselnd geschrieben ist. Das Lesen war ein Gewinn, weil ich nun die in den Medien dargestellten Ereignisse in einen Zusammenhang einordnen und ihre mögliche Wirkung auf die afghanischen Verhältnisse und das Leben der Frauen besser einschätzen kann. Das Buch wirft viele Fragen auf, die wir uns als Außenstehende in einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema auch stellen könnten.
Die Anschaffung hat sich hundertprozentig gelohnt.
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