"Meine Rolle war es immer, ehrlich zu spielen in einem abgekarteten Spiel. Das hat mir gefallen. Es gefällt mir noch immer. Deshalb höre ich nicht auf. Ich gehöre zu den Glücklichen, die für das bezahlt werden, was sie gerne tun. Das gelingt den wenigsten im Leben. Sicher, lieber hätte ich ein gutes Streichquartett komponiert. Aber ich könnte nicht mal ein schlechtes Streichquartett komponieren."
Dave Brandstetter weiß, wovon er spricht. Gerade wurde der Versicherungsdetektiv bei der Medallion Lebensversicherung rausgeworfen. Sein Vater Carl, Gründer und Besitzer der Gesellschaft, ist gestorben. Niemand hält mehr eine schützende Hand über den schwulen Dave. Versicherungen, so lernt der Leser ganz schnell, sind die größten Schwulenhasser. Also muss sich Dave als Freiberufler verdingen und hat gerade einen besonders unappetitlichen Fall zu bearbeiten. Für die Sequoia Lebensversicherung soll er die Todesumstände im Fall des ermordeten Predigers Gerald Dawson klären.
Dawson war zu Lebzeiten ein militanter, fundamentalistischer Christ, Anführer einer Gruppe von Männern, die ihre Stadt vor Schund und Unzucht retten wollen. Wenn es sein muss, auch mit Gewalt. So haben die Männer vor kurzer Zeit den Pornoladen "Schlüsselloch" heimgesucht und das Geschäft geplündert. Nun ist Gerald Dawson tot und die Polizei verdächtigt den Besitzer der "Schlüsselloch"-Buchhandlung, Lon Tooker, Dawson erschlagen zu haben. Doch einiges stimmt nicht. Als Brandstetter den Sohn des Toten aufsucht, verbrennt dieser gerade Pornoheftchen im Patio. Auch Dawsons Frau, die halb gelähmt ist, hat etwas zu verbergen. Warum hat ihr Mann Anti-Baby-Pillen für sie gekauft?
Brandstetter versucht den Fall aufzuklären und entdeckt, dass der Tote ein Verhältnis mit einem 16-jährigen Mädchen unterhielt. Ein Mädchen, dass offenbar in Softpornos mitgespielt hat und dem Dawson ein Apartment gemietet hatte. Seit seinem Tod ist auch das Mädchen verschwunden und Brandstetter hegt den Verdacht, dass auch sie ermordet wurde. Also macht er sich auf die Suche, fragt bei der Polizei nach und gerät schließlich an einen dubiosen Pornoproduzenten, dem Brandstetters Neugier überhaupt nicht passt. Mit scharfem Blick schaut der Versicherungsdetektiv hinter die Kulissen der Lustindustrie und stolpert über einen zweiten Mordfall.
Brandstetters fünfter Roman spielt Ende der 70er Jahre in Los Angeles. Realistisch und packend lässt Joseph Hansen seinen Helden hinter die Glitzer- und Glamourfassade der Stadt schauen und zeigt ohne Sentimentalität, aber mit menschlicher Wärme, die persönlichen Dramen und geplatzten Illusionen auf, die sich dahinter verbergen. Mit seinem gewohnt nüchternen Stil fängt er die Stimmung in Cafes auf dem Strip oder am Set eines Pornofilms ein.
Einmal mehr geben die knappen, ironisch gebrochenen Dialoge das Tempo der Erzählung vor, abwechselnd mit kurzen, präzisen Beschreibungen. Hansen ist ein Meister der erzählerischen Ökonomie. Gerade "Nabelschau" verdeutlicht die zeitlose Eleganz und die raffiniert eingebauten Brüche in der Prosa von Joseph Hansen. Als Brandstetter bei der Polizei sich nach der verschwunden Frau erkundigt, unterhält er sich mit dem zuständigen Lieutenant in dessen Büro. In einem Satz befinden sich die beiden noch im Büro, im nächsten wird schon eine gefundene Leiche im Leichenhaus beschrieben. Harte Schnitte, gepaart mit sachlicher und kompakter Erzählung machen die Kunst Joseph Hansens aus.
Wofür heutige Krimiautoren wahrscheinlich 400 oder mehr Seiten brauchen - Hansen schafft es in gut 200 Seiten: Einen spannenden, bewegenden Kriminalfall zu erzählen, der zudem Einblicke in Lebensbereiche ermöglicht, wo man eigentlich nicht so gerne hinschaut. Dank Hansen tut man es und lernt dabei.