Mit fünfundzwanzig Jahren vollendete Norman Mailer, Jahrgang 1923, seinen Roman "Die Nackten und die Toten", der mittlerweile zum Klassiker des entsprechenden Genres geworden ist. Auf 860 Seiten schildert Mailer den Kriegsalltag einer amerikanischen Division, die unter der Leitung von General Cummings auf einer von Japanern besetzten Pazifikinsel auf der Südhalbkugel landet und sich auf dem Eiland vorankämpft. Mailer verarbeitet seine eigenen Erfahrungen als Soldat im 2. Weltkrieg an der Pazifikfront.
Die erste Hälfte des Buches beschreibt das weitestgehend langatmige Leben der amerikanischen Einheit über Wochen oder sogar wenige Monate, als der Vormarsch der Amerikaner ins Stocken gerät. Straßenbau und Wachen beschäftigen die Soldaten, selten unterbrochen durch einzelne Gefechte. Mit Hitze, tropischem Regen und Insekten müssen sie die Männer mehr schinden als mit ihren japanischen Gegnern.
Im Mittelpunkt des Romans stehen neben General Cummings dreizehn weitere Männer, darunter ein Offizier und einige Unteroffiziere, die nach dem Stocken des amerikanischen Vormarschs auf Anopopei - der fiktiven Insel - als Gruppe zu einem Aufklärungsunternehmen abkommandiert wird und dabei unter der Leitung des ihnen fremden Leutnants Hearn an und über die Grenzen der menschlichen Fähigkeiten gehen muss, körperlich und mental. Nachdem sich die Gruppe eines Schwerverletzten wegen trennen muss, kommt sie in ihren Einzelteilen an ihre Grenzen und Opfer bleiben nicht aus. Der Part der Aufklärungsexpedition wird von Mailer sehr ausführlich beschrieben, wie generell der Roman nicht durch das Tempo besticht, sondern durch die Tiefe der Beobachtungen, die psychologischen und philosophischen, auch religiösen und gesellschaftskritischen Ausführungen des Autors.
In interessanten Rückblenden wird zwischendurch das vorherige Leben der vierzehn Soldaten beleuchtet: ihre Herkunft, ihre Entwicklung, ihre Motivationen. Mailer schreibt das alles so routiniert, psychologisch fundiert, dass ich mir mehrmals den Autor vor Augen hielt, der beim Schreiben erst Anfang bis Mitte zwanzig war. Eine wirklich außergewöhnliche schriftstellerische Leistung, vielleicht vergleichbar mit Thomas Manns Buddenbrooks", bei dessen Veröffentlichung Mann auch erst sechsundzwanzig war.
Mailer selbst war bis zu seinem Tod im Jahre 2007 erklärter Kriegsgegner, schrieb und redete gegen Vietnam, gegen die NATO-Einsätze im Kosovo und gegen die Bush-Regierungszeit. Er erhielt zweimal den Pulitzerpreis und veröffentlichte eine Reihe von fiktionalen und non-fiktionalen Werken, darunter einige Biografien. Und so zieht sich die Frage nach dem Sinn eines Einsatzes wie dem fiktional geschilderten durch das gesamte Buch. Oder besser: die Erkenntnis der Sinnlosigkeit.
Das Werk ist ein Muss im Kanon der amerikanischen Literatur des letzten Jahrhunderts und unter den Kriegsromanen. Insbesondere, wie oben erwähnt, seine psychologische Tiefe und Dichte sind bemerkenswert.