Gleich eines im voraus: Man muß schon ganz schön fanatisch (im positiven Sinn) sein, um sich dieses Werk anzutun. Wer außer Juristen liest schon 15.000 Seiten Prozeß-Protokolle, auch wenn es ein Jahrhundert-Prozeß war? Nun, ich bin kein Jurist, allerdings sehr interessiert sowohl an Jus als auch an der Nazizeit und den danach folgenden Prozessen. Wer immer diese Sammlung lesen will, sollte sich sehr viel Zeit nehmen. Es gibt Abschnitte, da brummt einem ganz schön der Schädel, vor allem zu Beginn während der wochenlangen Verlesung der Anklage gegen alle Beteiligten. Die monatelangen Zeugenanhörungen und Einvernahmen sind dann schon wesentlich unterhaltsamer und abwechslungsreicher. Faszinierend ist vor allem das hartnäckige Leugnen einiger Angeklagter, irgend etwas mit den Verbrechen zu tun gehabt zu haben oder überhaupt davon gewußt zu haben (wiewohl einige zweifellos wirklich nicht über Details informiert waren, die Geheimnistuerei war bei den Nazis schon pathologisch). Andererseits wird einem beim Lesen auch klar, daß einige Angeklagte völlig fehl am Platz waren und bestenfalls als (unmoralische oder naive) Mitläufer bezeichnet werden konnten, aber nicht als Hauptkriegsverbrecher. Auch das Gericht hat dies letztendlich erkannt und gerade diese drei in allen Punkten freigesprochen. Natürlich handelte es sich bei den Prozessen um eine Art Siegerjustiz, aber kann sich irgend jemand vorstellen, daß Monster wie Göring, Streicher, Kaltenbrunner u.a. einfach frisch-fröhlich in Pension gegangen wären, nach all dem, was sie sich zuschulden kommen hatten lassen - gedeckt durch Nazi-Gesetze oder auch nicht? Ich bin bis dato mit ca 2/3 des Werks durch und lese fast jeden Tag zumindest zwei, drei Seiten, manchmal auch mehr. Fazit: Lesenswert, aber man sollte wie gesagt auch juristisches Interesse mitbringen und ein gerütteltes Maß an Vorbildung über die Nazizeit an sich. Andernfalls besteht die Gefahr, bei der Lektüre manchmal einzunicken oder sie irgendwann zur Seite zu stellen und nie mehr anzurühren. Schade nur, daß bis jetzt die Protokolle des Prozesses gegen die japanischen Hauptkriegsverbrecher, der parallel in Tokyo ablief, nicht veröffentlich wurden. Auch diese wären zweifellos sehr interessant und würde klar machen, daß die Japaner sehr gut als Verbündete Hitlers getaugt haben. Beispielsweise der nach dem Prozeß exekutierte Ex-Ministerpräsident Toyo, der den sogenannten "August 1 Kill All"-Act herausbrachte. Inhalt: Am 1.8.44 wurde per Erlaß allen japanischen Kriegsgefangenenlagern bekannt gegeben, daß kein Gefangener lebend in die Hände der vorrückenden Amerikaner fallen dürfe. Was schießlich tausenden vor allem amerikanischen und britischen Gefangenen auf brutalste Art das Leben kostete. Letztendlich bestand hier kein Unterschied zu den Nazi-KZ.