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Das dürften viele Prozessbeobachter, die 1945/46 dem Ruf nach Nürnberg folgten nur geahnt (oder vielleicht gehofft) haben. Das damalige Aufgebot an Star-Journalisten liest sich wie ein "Who is who?" der damaligen Schreiberzunft: Alfred Döblin, William L. Shirer, Erich Kästner oder John Dos Passos fanden sich in der zerstörten Frankenmetropole ein, um Geschichte zu sehen und davon zu berichten.
Eine Auswahl ihrer Reportagen, Momentaufnahmen, Essays und Erinnerungen fügte Herausgeber Steffen Radlmaier zu einer "Dokumentation journalistischer und literarischer Texte von Augenzeugen" zusammen. Radlmaier will bewusst keine "wissenschaftliche Aufarbeitung oder Wirkungsanalyse der Presseberichte", er setzt gänzlich auf die unkommentierte Wirkung der zeitgenössischen Texte. Und das funktioniert! Gelingt doch dem Band Der Nürnberger Lernprozess eine bemerkenswerte Darstellung des berühmten Gerichtsverfahrens nur über dessen Medienecho.
Das Buch liefert seinen Lesern historische Tatsachen, lässt aber auch viel Raum für eigene Überlegungen. Die werden durch die Vielzahl der erzählten Geschichten, ihre unterschiedlichen Blickwinkel und die dahinter verborgenen, persönlich wie national geprägten Sichtweisen ausgiebig gefüttert.
So könnte dieser Band -- in dieser limitierten Edition übrigens äußerst schmuck aufgemacht -- bei seinen Lesern zu jenem "Lernprozess" führen, den dieser Gerichtsprozess damals schon bei vielen Deutschen und Alliierten auslöste. --Joachim Hohwieler -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Ota Filip fordert Gerechtigkeit und verdient sie auch
Der in Bayern wohnhafte Tscheche Ota Filip war ein weitum geschätzter (Exil-)Schrift steller und Publizist, als ihn 1998 eine Enthüllungsgeschichte über eine angebliche Spitzeltätigkeit für den Geheimdienst der CSSR hart traf. Nach einer längeren Zeit des Schweigens legt Filip nun eine Selbstverteidigung in Form eines Romans vor.
Wo die Tyrannei herrscht, dort ist
jedermann ein Glied in der Kette.
Gyula Illyés
Das Gedicht, aus dem das vorangestellte Zitat stammt, heisst «Ein Satz über die Tyrannei». Es entstand 1950 in Budapest und lag dann sechs Jahre lang in der Schublade; in Druck erschien es erst in den Tagen des ungarischen Volksaufstands. Hernach dauerte es wieder dreissig Jahre, bis es in einem Gedichtband des zuvor schon verstorbenen Verfassers, Gyula Illyés, Aufnahme finden durfte. Dass Illyés als der grosse alte Mann der Literatur seiner Heimat galt, half nichts. Sein lyrischer Aufschrei wider die totalitäre Macht, zugleich ein fürchterlich genauer Befund der menschlichen Existenz unter der Diktatur, blieb dem Regime unerträglich. «Jedermann ein Glied in der Kette» Illyés schilderte hart, doch resigniert, wie die Tyrannei selbst in die Ritzen des Alltags eindringt, wie durch Druck und Angst alle zu schuldigen Komplizen werden.
Der autobiographische Roman des in Bayern lebenden Schriftstellers Ota Filip führt in die von Illyés beschriebenen frühen fünfziger Jahre zurück, in die Tschechoslowakei, deren kommunistische Behörden Filip 1974 ausgebürgert haben. «Der siebente Lebenslauf» , so der Titel, enthält ein Bekenntnis und einen Bericht über die Jahre der deutschen Besetzung sowie die schlimmsten, stalinistischen Anfänge des 1948 gewaltsam geschaffenen Einparteistaates. Das Bekenntnis ist persönlichster Art, der Blickwinkel der des Kindes und des Jugendlichen; Filip war 1930 geboren. Das Alter schützte ihn nicht, es schützte niemanden davor, unter die Räder zu kommen.
Politisch unbequem
Gewidmet ist das Buch Pavel, Filips Sohn. Damit sind wir bei einer tragischen und hässlichen Vorgeschichte. Ota Filip war, als er 1974 die Tschechoslowakei verlassen musste, im deutschen Sprachgebiet bereits mehrfach bekannt: durch seinen 1968 erschienenen Roman «Das Café an der Strasse zum Friedhof», eine wehmütige Stadtchronik der Kriegsjahre, die zu einem bedeutenden Erfolg wurde, aber auch durch seine politische Renitenz, die ihm in seiner Heimat nach der Erdrosselung des Prager Frühlings eine Gefängnisstrafe von achtzehn Monaten eintrug.
In Deutschland blieb Ota Filip dem Handwerk des Schriftstellers treu, schrieb seine Manuskripte allmählich abwechselnd auf Deutsch und auf Tschechisch und meldete sich auch als Publizist zu Wort. Seine zumeist in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» abgedruckten Beiträge, in denen er mit der kommunistischen Macht jenseits und den modischen Mitläufern diesseits des Eisernen Vorhangs stets hart ins Gericht ging, schufen ihm, so ist zu vermuten, in der neuen wie der alten Heimat nicht wenige Feinde. Daran änderte wohl auch die Tatsache nichts, dass Filip sich mit Büchern und zahlreichen Artikeln engagiert darum bemühte, die Wunden zu heilen, die das 20. Jahrhundert am deutsch-tschechischen Verhältnis geschlagen hatte.
Dann kam das Jahr 1989, und die Pandorabüchse der früheren kommunistischen Geheimdienste ging auf oder Wege und Mittel fanden sich, in ihrem Inhalt herumzuwühlen. Und so überrascht es nicht, dass ein Mitarbeiter des Bayrischen Fernsehens, der aus welchen Gründen immer die feierliche Hinrichtung des Ota Filip beschlossen hatte, fündig wurde. Wen gibt's, wen gab es schon, zumal wenn er je öffentlich aufgetreten war, über den die Akten nicht etwas bewahrten? Die Fernsehanstalt zeigte Anfang 1998 eine längere Reportage: die grosse Enthüllung. Mit Propagandamethoden schlechtesten Angedenkens wurde da die These in die Welt gesetzt, Filip, der streitbare Antikommunist und literarische Sachwalter der kleinen, unterdrückten Leute, habe in Tat und Wahrheit als Spitzel des tschechoslowakischen Geheimdienstes gewirkt. Ausgegraben hatten die Autoren die 45 Jahre zurückliegende Geschichte eines Fluchtversuchs, den einst eine Gruppe tschechoslowakischer Soldaten plante und den mit schweren Folgen für die Beteiligten Filip verraten haben soll. Der Sohn des Schriftstellers, Pavel, nahm sich nach dieser Denunziation das Leben.
Ota Filip hatte bei dem Film, der über ihn entstand, die Mitarbeit verweigert; er lehnte es ab, als vorverurteilter Angeklagter einem selbsternannten Richter Red und Antwort zu stehen. Vielleicht beging er damit einen Fehler. Doch gab es wohl einen anderen, gewichtigeren Grund, der ihn davor zurückhielt, sich vor der Kamera zu verteidigen: Dass das, was damals, im Sommer 1952, in einer elenden tschechischen Militärgarnison geschehen war, sich mit drei Sätzen nicht erklären liess; dass zu dessen Verständnis die Kenntnis der verwobenen totalitären Wirklichkeit notwendig wäre; und dass der glückliche Zeitgenosse, dem die Daseinserfahrung im Unrechtsstaat fehlt, die Phantasie kaum aufzubringen vermag für eine Welt, in der «jedermann ein Glied ist in der Kette» und wo jeder, nicht nur der Täter, auch das Opfer, jederzeit schuldig werden konnte. Diese andere, simple und doch so abgründige Geschichte eines Lebensabschnitts erzählt Filip jetzt; sie füllt ein ganzes Buch.
Es ist die Geschichte eines in Mährisch Ostrau geborenen kleinen Jungen, den ein opportunistisch-selbstsüchtiger Vater 1939 gleich nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die deutsche Schule schickt und dem in der Nachkriegszeit deshalb der Makel anhaftet, das Kind einer Kollaborateurfamilie zu sein. Die Geschichte eines Jugendlichen, der sich allein durchschlägt und der, da er als unzuverlässiges Element gilt, seinen Militärdienst in einer waffenlosen, zu schweren Arbeitseinsätzen abkommandierten Hilfstruppe leisten muss. Beim spärlichen Ausgang und bei einem Bier nimmt man dort das Maul voll und phantasiert über eine Flucht in den Westen und das herrliche Leben, das danach folgen werde. Bis aus dem Spiel unversehens Ernst wird, da einige tollkühne Kameraden den Absprung und die Art, wie sie sich den Weg zur Grenze freischiessen wollen, tatsächlich zu planen beginnen.
Eigenes Versagen
Der Tag der Flucht, die tödlich zu enden droht, wird festgelegt, und da bricht der 22-jährige Ota Filip zusammen: Auf Urlaub in Prag vertraut er sich einem Onkel an, dem einzigen ihm nahestehenden Verwandten, der aber zum Unglück ein kommunistischer Funktionär ist. Dazu noch einer, der zu dieser Zeit schon selber in ständiger Furcht lebt und das Vernommene zur eigenen Entlastung höheren Orts gleich meldet. Schergen prügeln aus Filip nun das Geständnis einer verzweigten Verschwörung heraus, ein (von ihm nicht unterzeichnetes) Protokoll des Sicherheitsdienstes entsteht 45 Jahre später die Pièce de Résistance des gegen ihn gerichteten Fernsehfilms. Was aber auch Filip selbst aus Dokumenten im Prager Innenministerium erst Ende der neunziger Jahre erfahren sollte, ist dies: Die Gruppe fluchtwilliger Soldaten war vom Geheimdienst schon längst unterwandert, und die hohe Aufmerksamkeit hatte ursprünglich ihm, Filip, gegolten. Denn ein Offizier der Abwehr, ein gewisser Oberst Fic, hatte aus ihm in den Akten bereits ein Jahr zuvor einen englischen Agenten gemacht und für ihn einen dazu passenden Lebenslauf gezimmert, den siebten, den der Schriftsteller nach amtlichen und literarisch abgewandelten nun angeekelt sein eigen nennt.
Filip beschreibt die ineinander überfliessenden Schrecken und Absurditäten seiner Jugendzeit aus ironischer, auch selbstironischer Distanz und mit dem ihm eigenen deftigen Humor, in den sich freilich bittere Tropfen mischen. Auf eine Polemik mit den ihm übel gesinnten Filmemachern verzichtet er; sie bleiben unerwähnt. Sich selber erteilt Filip keine Absolution, sondern spricht von Versagen. Das Urteil indessen bleibt dem Leser überantwortet. Möge dieser sich erforschen und sagen, wie er in ähnlicher Lage gehandelt hätte; möge er richten, wenn ihm nach der letzten Seite noch danach zumute ist.
Andreas Oplatka
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