NIGHTS AT THE CIRCUS In Carters Romanen sehen sich Charaktere und Leser einer pikaresken Abenteuerwelt gegenüber, die sie in das Reich des Phantastischen und Surrealen führt, die die Gesetze von Zeit und Raum bewußt außer Kraft setzen. Wie zuvor in The Infernal Desire Machines of Doctor Hoffman, 1972 (Die infernalischen Traummaschinen des Doktor Hoffman), und The Passion of New Eve, 1977 (In der Hitze der Stadt), bzw. später in Wise Children, 1991 (Wie's uns gefällt), dekonstruiert Carter auch in Nights at the Circus essentialistische Konzepte menschlicher Subjektivität, die sich in diesem Roman als ein Neuentwurf freier Weiblichkeit konstituiert, als dessen historische Folie der Archetyp der New Woman im englischen fin de siècle herangezogen wird.
Im London des Jahres 1899 trifft der amerikanische Journalist Jack Walser, der an einem Band über »Große Hochstapler der Welt« arbeitet, in der Garderobe einer Music Hall mit der berühmten okTrapezartistin und Vogelfrau Sophia zusammen, die »Fevvers« (»Feathers«) genannt wird und deren Ruhm auf dem großen Paar Flügel, das sie auf ihrem Rücken trägt, und auf ihrer unbestimmten Herkunft basiert. Sie sei wie Helena, die den Trojanischen Krieg auslöste, aus einem Ei geschlüpft und von ihrer Ziehmutter Lizzie in einem Bordell großgezogen worden. Im Alter von vierzehn Jahren seien ihr Flügel gewachsen, die sie in einer Mittsommernacht zum erstenmal benutzt habe, wobei ihr angesichts dieser Einzigartigkeit schnell klargeworden sei, zum Fliegen und nicht für eine traditionelle Frauenrolle geboren worden zu sein. Walser ist so fasziniert von ihr, daß er beschließt, Fevvers inkognito als Clown auf ihrer Tournee mit dem Zirkus des Amerikaners Colonel Kearney durch Rußland zu folgen. Die Reise geht zunächst nach St. Petersburg und führt dann weiter nach Sibirien, wo Geächtete, die sich von Fevvers' Bekanntheitsgrad ein politisches Druckmittel auf den Zaren versprechen, den Zug in die Luft sprengen und Fevvers gefangennehmen. Fevvers wird durch dieses Ereignis von Walser getrennt, doch nach vielen Abenteuern werden beide in der Hütte eines sibirischen Schamanen vereint.
Die komplexe Struktur des Romans verbindet selbstbewußt Elemente des Märchens, des Schauerromans, des Abenteuerromans, des historischen Romans und - an die Motive der Reise und der Queste gebunden - des Entwicklungs- und Bildungsromans. Sowohl Handlungsverlauf als auch Bildlichkeit und Motivik sind von überwältigendem imaginativen Reichtum, wobei Carter die Ebenen von realistischer Darstellung und grotesker Überzeichnung, von Wahrheit und Illusion fließend ineinander übergehen läßt. Fevvers ist zugleich groß, vulgär, maßlos, geldgierig, warmherzig und sexuell attraktiv, und ihr Wahlspruch lautet: »Ist sie Wahrheit oder ist sie Fiktion?« Der Lust, die Fevvers bei diesem Spiel mit Wahrheit und Illusion empfindet, entspricht die karnevaleske Atmosphäre (M. Bachtin) des Romans, die, von Hyperbolik und Ausschweifung getragen, die Wirklichkeit als ausgelassenes Fest von Fruchtbarkeit und Erotik, rückhaltloser Selbstverwirklichung und Neubeginn vorstellt. Formal experimentelle Elemente wie sich vermischende Erzählsituationen, Brüche in der Zeitstruktur, Geschichten in Geschichten, Spiegelmetaphorik oder das surreale Motiv anthropomorpher Tiere sind ästhetische Reflexe eines lebensfroh humorvollen Entwurfs agiler weiblicher Stärke und Intelligenz, wobei die Figur der geflügelten Fevvers das viktorianische Frauenbild des »angel in the house« aufgreift und umkehrt. Mutig flieht sie aus der Gefangenschaft des bürgerlichen Mannes, Rosencreutz, der sie aus dem Bordell menschlicher Mißgeburten der Madame Schreck heuchlerisch herauskauft, um ihr Blut zur Selbstverjüngung zu opfern, und nur knapp entkommt sie dem russischen Großherzog, dessen Sammelleidenschaft sie in einen goldenen Käfig fesseln will.