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Die Nächte des grossen Jägers
 
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Die Nächte des grossen Jägers [Taschenbuch]

Ahmadou Kourouma , Cornelia Panzacchi
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Der grosse Diktator

Ahmadou Kouroumas afrikanische Vision des Kalten Krieges

Als 1968 mit «Les soleils des indépendances» Ahmadou Kouroumas erster Roman erschien, warf die Kritik dem damals 40-jährigen Schriftsteller aus Côte d'Ivoire ungenügende Französischkenntnisse vor. Plurale wie «Die Sonnen der Unabhängigkeiten» seien im Französischen gar nicht möglich. Sie hatte übersehen, dass Kouroumas «Fehler» System hatte: Setzt man in seiner Muttersprache, dem Malinke, das Wort für Sonne in die Mehrzahl, so erhält es eine neue Bedeutung: die Epoche. Kourouma malinkisierte sozusagen die französische Sprache. Heute gilt sein Roman als eines der gelungensten Werke hybrider Literatur, das heisst der subversiven Vermischung einer ehemals kolonialisierten Sprache mit derjenigen der Kolonialisten.

Die lange Zeit seines Exils habe ihn dem Malinke so entfremdet, sagt Kourouma heute, dass eine Schreibweise wie in «Les soleils des indépendances» nicht mehr möglich sei. Dennoch verzichtet er nicht auf Vermischung. Sein jetzt auf Deutsch erschienener Roman «Die Nächte des grossen Jägers» (1999) ist auf vielfältige Weise hybrid.

Ein Roman in Wortwechseln

Wie vor dreissig Jahren ist auch jetzt orales Erzählen konstitutiv. Der Roman ist ein Donsomana, eine Erzählung mit Reinigungscharakter, wie sie bei den Bruderschaften der Malinke-Jäger gepflegt wird. Sie schildert in mehreren Erzählnächten die grossen Taten der Jäger.

In den «Nächten des grossen Jägers» folgt Kourouma diesem Muster: im Rhythmus, in der Ironie, im Gebrauch von Sprichwörtern. Zwei Personen erzählen das Donsomana, der in Westafrika bekannte Griot sowie sein Antworter. Hält sich der Erste an die Fakten, an Anstand und Sitte, so kann sich der andere alles erlauben: die Bizarrerie, die Kritik, die Beschimpfung.

Ein Aspekt des Hybriden liegt in Kouroumas Donsomana darin, dass die orale Form im Roman schriftlich vorliegt. Das ändert insbesondere die Beziehung zwischen Erzähler und Publikum. Beim Donsomana der Malinke sind die Zuhörer mit den Umständen des Erzählten vertraut. Beim Roman – den Kourouma, wie er selber sagt, eher fürs europäische Publikum geschrieben hat – muss er vieles erklären. Er gibt somit auch reiche ethnologische Informationen. Doch auch die Sprache und ihre Bilder weichen mitunter von jener des Donsomana ab: Kourouma nimmt Bezug auf den abendländischen Bildungskanon; seine Jäger tragen «die phrygische Mütze», und «Katharsis» gilt als Ziel der Veranstaltung.

Hybrid sind «Die Nächte des grossen Jägers» auch dadurch, dass Kouroumas Donsomana keine homogene Form aufweist. Es enthält verschiedene den jeweiligen Inhalten angemessene Genres: die dominante Erzählung des Griot sowie ihre Replik; eine ausladende Abenteuergeschichte mit stark autobiographischem Gehalt; ritualisierte Texte mit zahlreichen Wiederholungen und schliesslich solche in nüchternem, modernem Reportagestil.

Afrikanische Geschichte

Auch wenn Kourouma die orale Tradition in einer einzigartigen Weise für seinen Roman zu nutzen versteht, geht es ihm selbstverständlich nicht bloss um eine Referenz auf afrikanische Vergangenheit. Das Donsomana ist für Koyaga, die Hauptfigur des Romans, dringend notwendig. Er ist einer der «grossen» afrikanischen Diktatoren. Seine Herrschaft aber ist bedroht – mit dem Ende des Kalten Krieges sind die westlichen Mächte, allen voran Frankreich, nicht mehr bereit, die afrikanischen Diktatoren, ihre Bollwerke gegen den Kommunismus, bedingungslos zu unterstützen. Zudem rebelliert die eigene Bevölkerung angesichts der düsteren Zukunftsaussichten. Die Reinigungszeremonie soll Koyaga die Macht zurückbringen.

Die Erzähler beginnen Koyagas Geschichte mit der Berliner Konferenz von 1884/85, bei der die Europäer Afrika unter sich aufteilten. Sie berichten von der Entdeckung, ethnographischen Erkundung und Kolonisierung von Koyagas Volk; sie erzählen die Geschichte seiner Herkunft, seiner Sozialisierung unter französischer Herrschaft  – insbesondere als Held des Indochina- und Algerienkriegs –, seiner Machtübernahme, die ebenso brutal war wie seine folgende Herrschaft. Vor der Inthronisation lässt Kourouma seinen Helden auf eine Initiationsreise zu fünf seiner Kollegen gehen. Diese tragen phantasievolle Namen, ihre realen «Vorbilder» sind jedoch leicht zu erkennen.

Trotz dieser Fokussierung sind «Die Nächte des grossen Jägers» kein Diktatorenroman, wie er aus der lateinamerikanischen und afrikanischen Literatur bekannt ist. Kourouma hat den Anspruch, das Phänomen der Diktatur mit all seiner Willkür, seiner Brutalität, auch seinem Populismus nicht einfach zu beschreiben, sondern seine eigene Vision afrikanischer Geschichte im 20. Jahrhundert darzulegen. Und dazu gehört – neben ihrer Einbettung in den imperialistischen Kontext – auch die Suche nach Gründen für diktatorische Strukturen in der eigenen Kultur.

Nicht magischer Realismus – Kourouma erhebt Anspruch auf Authentizität –, wohl aber Magie prägt «Die Nächte des grossen Jägers». «Macht und Magie sind in den Köpfen der meisten Afrikaner untrennbar miteinander verbunden», sagt Kourouma in einem Interview. Und Magie ist es auch, dank der Koyaga seine Macht gegen jegliche Anfeindung und unzählige Putschversuche bewahrt. Daher erhält seine Macht einen übernatürlichen Charakter, erfährt er Verehrung. Teil dieser Magie sind auch die scheusslich brutalen Praktiken, die Koyaga seinen Gegnern angedeihen lässt – in diesem Zusammenhang erhalten sie einen Sinn.

Aktualität

Mit den «Nächten des grossen Jägers» ist Kourouma ein grossartiger, gleichzeitig afrikanisch-traditioneller und moderner Roman gelungen; auf Deutsch liegt er in der ausgezeichneten Übersetzung von Cornelia Panzacchi vor. Der Roman, in dessen Zentrum die achtziger Jahre stehen, beschliesst Kouroumas Trilogie der neueren afrikanischen Geschichte. Sein zweiter, noch nicht auf Deutsch erschienener Roman, «Monné, outrages et défis» (1990), befasste sich mit der Kolonialisierung Westafrikas, die in der deutschen Ausgabe vergriffenen «Soleils des indépendances» mit der postkolonialistischen Situation der sechziger Jahre. Kouroumas vierter, soeben auf Französisch erschienener Roman handelt von Kindersoldaten in Liberia und Sierra Leone. Von altersweiser Weltabgewandtheit kann bei dem heute 73-Jährigen keine Rede sein.

Heinz Hug -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Die Zeit, 15.06.2000
Völlig hingerissen ist Uwe Timm von diesem Roman, für den er trotzdem fürchtet, dass er nicht viele Leser finden wird. Denn obwohl er "voller Witz und Phantastik" sei und dabei "spannend" und "informativ", sei hierzulande das Interesse an afrikanischer Literatur gering, bedauert Timm. Der große Reiz dieses Textes geht für ihn von der Fähigkeit des Autors aus, die Konfrontation der traditionellen Lebensform mit der europäischen Zivilisation zu beschreiben, wobei dieser nicht mit "Witz und Ironie" spare. Sehr angetan ist der Rezensent von der besonderen, an orale Erzählformen orientierten Form des Romans, die es in einer Art Frage und Antwort-Spiel erlaube, eine feiernde, lobende Stimme mit einer spottenden zu kommentieren. Als Verdienst rechnet der Rezensent dem Autor an, dass er nicht allein die Kolonialmächte für den Zustand Afrikas verantwortlich mache, sondern auch als teilweise selbstverschuldet verstehe. So sei der Roman auch ein afrikanisches Pendant zum Diktatorenroman lateinamerikanischer Prägung. Ein "ganz und gar ungewöhnliches Buch", schwärmt Timm, und hofft wider besseres Wissen, dass es von einer breiteren Leserschaft wahrgenommen wird. Ein besonderes Lob schenkt Timm noch "der Beharrlichkeit und Ausdauer" des Peter Hammer Verlages, der seit Jahren "unbeirrbar" afrikanische und lateinamerikanische Literatur von großer Qualität publiziere.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

"Voltaire heißt heute Ahmadou Kourouma." (Le Nouvel Observatuer)
"Köstlich erzählt, mit tausend Einfällen gewürzt." (Elle)
"Hochpoetisch, komisch, scharfzüngig, von unerbittlichem Humor und eminent politisch. Einfach toll!" (Radio France International)

Kurzbeschreibung

Abends, wenn die Sonne hinter den Bergen versinkt, lässt sich Koyaga, der große Jäger und Präsident einer fiktiven Golfrepublik, sein Leben erzählen: Als Sohn eines Kriegshelden und einer großen Zauberin hatte Koyaga ideale Voraussetzungen, erster Mann des Staates zu werden und dies unter Einsatz aller Mittel - Mord, Raub, Korruption, Vergewaltigung - zu bleiben. Doch dann kommt die Demokratisierung und Wahlen stehen an...
Fesselnd, scharfzüngig und mit großer Fantasie erzählt Kourouma erstaunliche Geschichten. Aus dem Lobgesang des Hofpoeten wird unmerklich eine bitterböse Anklage jeglichen Machtmissbrauchs. Ein grandioser, politischer Zeit- und Afrikaroman!

Autorenportrait

Ahmadou Kourouma wurde 1927 in der Elfenbeinküste geboren. Nach bewegten Jugendjahren - als Rädelsführer von der Schule verwiesen und in die französische Armee eingezogen und wegen politischer Aktivitäten nach Indochina strafversetzt - wurde er Versicherungsmathematiker. Als Kourouma 1963 wegen eines angeblichen politischen Komplotts verhaftet wurde, schrieb er den Roman "Der schwarze Fürst", der ihn auf einen Schlag weltberühmt machte.
Danach verfasste er ein Theaterstück, das ihm 20 Jahre Exil einbrachte. Ahmadou Kourouma lebt und schreibt längst wieder in seiner Heimat. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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