Ich war sehr gespannt, als ich Christine Neder's Buch in den Haenden hielt. Ich selbst bin seit bald 5 Jahren leidenschaftliche Couchsurferin und hatte oft darueber nachgedacht, ein Buch ueber meine Couchsurfing-Erfahrungen zu schreiben. Durch Couchsurfing kann man so viele unterschiedliche Menschen kennen lernen, deren Lebensgeschichten immer einzigartig und unglaublich spannend sind. Ich bin jeder Person, die mich bisher bei sich aufgenommen hat, unglaublich dankbar. Und genau das ist es, was in Christine Neder's Buch fehlt -sowohl die Dankbarkeit als auch die genaue Beschreibung ihrer Gastgeber. Stattdessen beklagt sich Christine Neder darueber, dass einer ihrer Gastgeber Fussball guckt statt zu schlafen. Fuer sie scheint es normal, dass ihre Gastgeber ihr die Tueren oeffnen und sie bekochen. Statt sich den Geschichten der Menschen zu widmen, die sie bei sich aufnehmen, scheint das Buch eher eine Hommage an sich selbst zu sein. Sehr eindringlich beschreibt sie die grosse Herausforderung, der sie sich stellt, indem sie 90 Naechte lang jede Nacht bei jemanden anderes verbringt. Ich frage mich, wobei hier die Schwierigkeit liegt. Was Christine Neder als "die grosse Herausforderung" beschreibt, ist fuer viele Weltenbummler der Normalzustand. Desweiteren klagt sie ueber die Einsamkeit, die sie umgibt, darueber, dass sie die Menschen nicht wiedertreffen kann, denen sie begegnet. Liebe Christine, ein kleiner Tipp: Couchsurfing ist nicht nur dafuer da, sich kostenlos Uebernachtungsmoeglichkeiten zu suchen, sondern es geht vor allem darum, soziale Kontakte zu knuepfen und ich wette, die Mehrheit deiner Gastgeber haette sich darueber gefreut, wenn du sie in einem deiner einsamen Momente einfach mal auf einen Kaffee eingeladen haettest. Auch darueber, dass du dich beschwerst, dass du ein in einem Buchladen entdecktes Rezept nun 90 Tage lang nicht ausprobieren kannst, muss ich mich doch sehr wundern. Du haettest doch einem deiner Gastgeber mal ein paar Kekse backen koennen... Christine's "schlimmstes Horrrorszenario" ist die Idee, dass sie auf der Rueckbank ihres Autos schlafen muesste, wenn sie keinen Gastgeber finden wuerde.
Ich finde, das Buch ist aufs Hoechste dramatisiert und man gewinnt den Eindruck, dass Christine alles daran gesetzt hat, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen und mal ein bisschen Pressewirbel auf sich zu ziehen. Es hat mich auch ueberrascht, dass Christine in einer multikulturellen Stadt wie Berlin und obwohl sie so ein multikulturelles Projekt wie Couchsurfing nutzt, doch nur selten bei Auslaendern uebernachtet. Tuerken kommen unter ihren Gastgebern gar nicht vor. Insgesamt hat Christine meiner Meinung nach, die Idee des Couchsurfings nicht verstanden - in der es doch vor allem darum geht, neue Menschen und Kulturen kennen zu lernen. Das Buch ist leider auch nicht so spannend geschrieben, dass es diesen Mangel wettmachen wuerde. Die Kroenung jedoch ist, dass ihr letzter Abend, wie sie selbst schreibt, "kein spektakulaerer, unvergesslicher Abend" wird, weil er einfach ganz normal verlaeuft und sie nicht bei einem Star uebernachtet. In meinen 5 Jahren Couchsurfing war jeder Abend spektakulaer und unvergesslich.