Als kritisch denkender Mensch und Zen-Praktizierender dachte ich, ich bräuchte die Argumente dieses Buches, um den Weg des Zen besser zu verstehen, doch das war ein Irrtum.
Gerade im philosophischen Teil ' und der Autor hat laut knapper biographischer Notiz Philosophie studiert ' zeigt das Buch deutliche Schwächen.
Ja, der Autor beherrscht die Philosophischen Begriffe, doch verwendet er die Philosophischen Traditionen des Westens, um eine philosophische Tradition des Ostens zu beurteilen.
Das kann gut gehen, wenn man denn die östliche Philosophie begriffen hat, aber so, wie der Autor es anpackt, kann es nicht gelingen.
Er stützt sich nicht auf die Grundschriften des Zen, in denen doch die Philosophie am deutlichsten hervortreten solle, sondern auf die Aussagen von "Lehrern", wobei die meisten Aussagen, auf die sich Binder bezieht von David Loy sind, von einem Lehrer also, der nicht gerade als zentraler Vertreter des Zen zu bezeichnen ist.
Hätte der Autor die Aussagen des Zen vollständig(er) wiedergegeben, dann wäre er zum Beispiel nicht der "Nondualität" in dieser Weise aufgesessen. Wenn man die Weltsicht des Zen auf "Alles ist Eins" einebnet, dann kann man, ja dann muss man natürlich diese Vereinfachung kritisieren.
Da im Zen aber meines Wissens gilt: "Nicht zwei, nicht eins" also sowohl die Dualität als auch der Monismus abgelehnt werden, kann die Kritik von Binder nicht den Punkt treffen.
Bei dem Wahrheits- und Wirklichkeitsverständnis gerät Binder vollends ins Schleudern und seine Argumentation beschränkt sich auf: "Das ist sinnlos" oder "Das kann ich mir nicht vorstellen"
Der Autor behauptet zum Beispiel, dass ein "erleuchteter Meister" (was auch immer das sein mag) nicht wie jeder andere einen normalen (dualistischen) Apfel essen würde. Klar isst ein Meister einen Apfel und er verdaut ihn, wie jeder andere auch. Er wird nicht in seine Hand beißen, weil er seine Hand für einen Apfel hält, dann wäre er nämlich krank. Dennoch wird er den Genuss des Apfels womöglich sehr viel unmittelbarer und lebendiger erfahren, als ein Mensch, der den Apfel in sich hineinstopft, während er den Sportteil einer Zeitung liest.
Der Leser wird den Apfel im Zweifelsfall gar nicht wahrnehmen, der andere womöglich ähnlich intensiv wie ein Sommelier, der ganz auf das Erleben eines Schlucks Wein trainiert ist.
Die Wirkungen des Zen kann man philosophisch ganz sicher nur schwer erfassen, und die Philosophie des Zen zeigt eben dies: Das Denken mit glasklaren(!) Gedanken führt sich selbst ad absurdum, bis das Denken aufbricht und man für Augenblicke das Denken hinter sich lässt. Die Einsichten dieser Augenblicke bleiben und vertiefen und verstören auf eigenartige Weise das Alltagsempfinden.
Der Blick auf den Alltag nach solch einer Erfahrung wirkt subjektiv deutlich klarer und dies ist in der Tat vergleichbar mit dem Wegziehen eines Schleiers. Diesen Schleier dann aber philosophisch einkreisen zu wollen ist schlicht absurd. Den Schleier gibt es nicht.
Ebenso schwierig ist das, was der Autor als Wahrheit suggeriert. Er sagt es kaum ausdrücklich, und doch erscheint es so, dass der Autor philosophisch tatsächlich davon ausgeht, die Realität (Kant: "die Dinge an sich") zutreffend beschreiben zu können.
Dabei verschweigt er weit verbreitete Einsichten der Erkenntnistheorie, dass nämlich unsere Erkenntnis nur innerhalb der Kategorien Zeit, Raum und mittels der Konstruktion einer Kausalität möglich ist.
Einen Zugriff auf die "Dinge an sich" verneint Kant.
Die Praxis des Zen klärt unter anderem in sehr gründlicher Introspektion diese Einsichten und macht die (nur) intellektuellen Einsichten Kants empirisch erfahrbar.
Wären die Gedanken des Autors ebenso klar wie die der Zen-Tradition, hätte er gewiss ein dem Gegenstand angemesseneres Buch geschrieben. So ist es ' wie viele "Religionskritische" Bücher ' nur die Abrechnung mit den selbst produzierten Zerrbildern dessen, was man kritisiert.
In einem weiteren Teil diskutiert der Autor die Verflechtungen des Zen im Faschismus. Die historischen Beschreibungen sind ' soweit ich sehen kann ' korrekt, die Folgerung daraus, Zen sei zu kritisieren sind schlicht Unsinn.
Zen ist, wie jede andere Anschauung der Welt (Religionen, politische Systeme, Ideologien etc.) missbräuchlich. Warum? Weil Menschen beteiligt sind. Nur der, der eine Weltanschauung vorweisen kann, die NICHT missbräuchlich ist kritisiert an diesem Punkt zu Recht.
Es ist unverzichtbar, die fatalen Auswirkungen von Missbrauch diverser Ideologien zu benennen. Der Grund für diesen Missbrauch liegt aber ebenso wenig in den Ideologien, wie der Missbrauch eines Hammers zu Tötungszwecken im Hammer liegt. Nicht der Hammer ist schlecht, sondern die Handlung und die Motive dessen, der den Hammer zu diesem Zweck schwingt. Die Möglichkeiten zum Missbrauch liegen in jedem System an anderen Stellen und sind genau zu beschreiben, auch da gehe ich Mit dem Autor. Darüber hinaus folge ich ihm nicht.
Da wo der Autor die Auswirkung des Zen psychologisch beschreibt, hat das Buch starke Momente, doch da scheint mir, geht der Autor nicht weit genug, wenngleich er einen zentralen Punkt erfasst:
Den Abschied vom Anerkennungsbegehren.
Insgesamt ist das Buch also eher ärgerlich. Eine (notwendige) kritische Darstellung, die dem Zen wirklich gerecht wird, kann man in diesem Buch nur in Teilen finden.