Im ersten Teil befasst sich Mary mit der "Arbeit an der
Beziehung" und den regelmässig dabei auftauchenden Schwierigkeiten. Stimmt es wirklich, dass durch Kommunikation, Ausgleich von Geben und Nehmen, Beleben der Anfangsvision, Arbeit an der eigenen Person etc. eine Beziehung wunschgemäß gestaltbar ist? Wer "5 Lügen die Liebe betreffend" und "Die Glückslüge" kennt, wird nicht verwundert sein, dass Mary die Möglichkeiten einer zielgerichteten Beziehungsarbeit gering ansetzt.
Als zentralen Fehlschluß bezeichnet er dabei die Gleichsetzung von partnerschaftlicher Bindung und Liebesbindung, die von den meisten Experten vollzogen wird. Weil in einer Beziehung jedoch beides vorkommt, sagt er, kann man durchaus etwas für die Partnerschaft tun, ohne damit automatisch etwas für die Liebe zu tun.
Spannend und nachvollziehbar beschreibt Mary im zweiten Teil Idealisierungen, die sowohl bei Partnern als auch ihren Therapeuten zu finden sind und entlarvt die angebliche Steuerbarkeit von Beziehungen als Versuche, diese unter therapeutische Aufsicht zu stellen.
Im dritten Teil geht Mary über den Kritikansatz hinaus. Dort
schlägt er vor, Beziehungen nicht zu steuern, sondern sie zu entdecken. Er beschreibt, wie sich Beziehungen als eigenständige Wesen beschreiben lassen. Wer dies nachvollzieht, landet in einer Beziehung zu seiner Beziehung. Das ist ein interessanter und anregender Ansatz, der einem manches Aha-Erlebnis ermöglicht. Schließlich beschreibt Mary im letzten Teil, wie sich Beziehungen selbst steuern: indem sie von den Vorstellungen der Partner abweichen und somit Probleme oder Krisen hervorrufen.
Damit tritt der für mich wohltuende Mary-Effekt auch bei diesem Buch ein. Keine Spur von dem üblichen Versagens-Gerede, mit dem sich Experten über Partner stellen. Mary wird manchmal orgeworfen, er fördere die Resignation. Dass Aufgeben immer dann sinnvoll und stärkend ist, wenn sich jemand restlos überfordert, wird dabei übersehen. Die Frage, ob Partner und Experten sich nicht pausenlos selbst überfordern, beantwortet dieses Buch eindeutig. Wieder ist es Mary gelungen, kompliziert Zusammenhänge auf verständliche Weise darzustellen.
Ich habe das Buch mit Vergnügen und Erkenntnis gelesen. Die Empfehlung, ihre Beziehung als "das zu sehen, was zwei Menschen
- beim besten Willen - miteinander hinbekommen" hat mich mit manchem versöhnt, was in meinem Beziehungsleben nicht nach Vorstellung gelaufen ist.