Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Mythos Krebsvorsorge. Schaden und Nutzen der Früherkennung. von Christian Weymayr, Klaus Koch. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Um eines klarzustellen: Dies ist ein kritisches, aber kein polemisches Buch. Wir entwerfen keine Antithese zur gängigen Vorstellung "Rechtzeitig erkannt - geheilt". Wir beleuchten vielmehr Schaden und Nutzen der einzelnen Früh-erkennungsmethoden. Mit der pauschalen Ablehnung der Vorsorge würden wir in dieselbe Vereinfachungsfalle tappen wie deren Befürworter, die der griffigen Botschaft zuliebe strittige Aspekte ausblenden - oft wider besseres Wissen: Die Fürsprecher sind sich der Kontroversen um den wahren Nutzen der Maßnahmen meist bewusst. Wenn sie dennoch nur die Chancen betonen, kalkulieren sie ein, dass die Menschen unwissentlich seelische und körperliche Schäden in Kauf nehmen müssen.
Einigen wird eine Früherkennungsmaßnahme zwar helfen, aber viele wird sie schädigen: durch unnötige Gewebeentnahmen, durch Herausschneiden verdächtiger Stellen, die harmlos geblieben wären, durch zum Teil gravierende Komplikationen - und durch immer wieder monatelanges Warten auf eine abklärende Untersuchung oder eine Operation. Diese Schäden, zu denen noch der immense Aufwand an Zeit und Geld hinzugerechnet werden muss, stehen meist einem nur schlecht oder gar nicht belegten, dennoch unverdrossen in Aussicht gestellten "Retten von Leben" gegenüber. Erstmals seit ihrer Einführung vor 30 Jahren werden die Früherkennungs-programme jetzt erheblich erweitert: Seit Oktober 2002 stehen jedem Versicherten zwei Darmspiegelungen im Abstand von zehn Jahren zu. Noch im Jahr 2003 wird damit begonnen, alle Frauen zwischen 50 und 69 Jahren zur Mammographie einzuladen.
Die Neuerungen sind zweifellos ein Fortschritt. Aber ist damit alles gut? Hat jetzt jeder Gesunde noch mehr als bisher die moralische Pflicht, sich abtasten und durchleuchten, sich spiegeln und analysieren zu lassen? Diese Pflicht hat er keineswegs. Jeder Mensch muss vielmehr selbst abwägen, ob er sich untersuchen lassen möchte oder nicht. Wir bieten in unserem Buch Argumente für eine differenzierende Entscheidung an.
In beide Waagschalen gehören jeweils zwei Arten von Argumenten: Die Objektiven ergeben sich aus wissenschaftlichen Studien, die herauszufinden versuchen, wie groß Schaden und Nutzen der Maßnahmen wirklich sind. Die subjektiven Argumente ergeben sich aus der eigenen Persönlichkeit. Für den einen wird die Angst vor dem Krebstod schwerer wiegen, für den anderen die unbeschwerte Zeit bis zu einer möglichen Diagnose.
Gerade Ärzte neigen dazu, die subjektiven Argumente wie objektive Größen zu behandeln, indem sie von einer einheitlichen Haltung der Patienten ausgehen - etwa dass jeder Patient eine Lebensverlängerung um jeden Preis für erstrebenswert hält. So wird auch verständlich, wieso die Deutsche Krebsgesellschaft und die Deutsche Krebshilfe Früherkennungsmaßnahmen pauschal begrüßen. Die Entscheidung, wohin sich die Waage neigt, sollte man jedoch nicht anderen überlassen - die Konsequenzen hat man schließlich auch alleine zu tragen.