Wenn kleine Blockflötenspielerinnen zu großen Meisterinnen, kickende Jungs zu Beckhams, Familienfrauen zu Haushaltsmanagerinnen und Burnout-Kandidaten zu stabilen CEOs gecoacht werden, ist jeder Klärungsversuch dieser externen Unterstützung willkommen. Zumal sich die Grenzen zwischen psychotherapeutischen Interventionen und fachspezifischen Beratungen ebenfalls vermischen. Obwohl die drei Herausgeber seit Jahren im Coachinggebiet zuhause sind, holten sie sich für die begrifflichen Aufräumarbeiten Hilfe von Kollegen. Ein Akt, der für die Branche eher untypisch ist und daher besondere Beachtung verdient. Nur die Stimme des Advocatus Diavoli fehlte mir in diesem Buch. Werner Herren, Gründer des Zentrums für interdisziplinäre Systemtherapie und Pionier der Coachingausbildung in der Schweiz ahnt die Lücke ebenfalls, wenn er in seinem Beitrag schreibt, dass es nicht einfach sei, über den Mythos Coaching zu schreiben, wenn man selber Coachs ausbildet. Jemandem das Wort zu erteilen, der hartnäckig daran zweifelt, dass sich Persönlichkeitseigenschaften erwachsener Menschen kaum oder nur unter bestimmten Umständen verändern lassen, hätte dem Konzept nicht geschadet. Im Gegenteil, dem Leser würden kritische Stimmen zur Anwendung und Wirkung von Coaching erlauben, die Thesen der verschiedenen Autoren besser zu verorten und eigene Wünsche realistischer einzuschätzen.
Der inflationäre Gebrauch des Coaching-Begriffs bringt es mit sich, dass sich selbst überschätzende Berater unterschiedlichster Richtung kein Gewissen machen, sich ebenfalls ein Stück von einem Kuchen abzuschneiden, der dank seiner Beliebtheit noch immer steigende Produktionszahlen ausweist. Ich rechne allerdings nicht damit, dass Scharlatane dieses Buch kaufen und zur Einsicht kommen, es würde ihnen an Professionalität mangeln. Den Nutzen sehe ich vor allem bei Lesern, die nach einem Coach Ausschau halten oder die Finanzierung bewilligen müssen. Denn ihnen bieten die Autoren eine leicht verständliche und aktuelle Darstellung verschiedener Ansätze. Und wenn die meisten Beispiele von gecoachten Kaderleuten auf höheren Ebenen handeln, ist das zwar schade, aber leider Abbild der Wirklichkeit. Die Übernahme solcher Kosten gehört ebenso zu den Benefits der Teppichetagenbewohner wie größere Dienstwagen oder luxuriösere Hotels. Dagegen anzukämpfen, ist nicht unbedingt Aufgabe der Coachs, zumal sie ja auch für ihr eigenes Einkommen schauen müssen.
Nach dem kurzen, selbstkritischen und einnehmenden Vorwort von René Lichtseiner erläutern die Herausgeber ebenso prägnant ihr Anliegen. Und nachdem der erste Beitrag nützliche Orientierungspunkte zur Unterscheidung von Coaching und Psychotherapie setzte, kommen ausgewählte Coachs zu ihren Auftritten. Beschriftet sind ihre unterschiedlichen Bühnen mit: Business Coaching - Life Coaching - Coaching im Unternehmen - Die Schweizer Coachingmarkt-Studie - Ausbildung von Coachs. Und zum Ausklang gibt es noch ein Nachwort und den Anhang mit Autorenvorstellungen, einer geistigen Landkarte der Beiträge, Tipps für die Evaluation eines Coachs, einer Checkliste zur Beurteilung und Links zu nützlichen Informationsquellen.
Mein Fazit: Da in der Beraterbranche ein Buch unter eigenem Namen zu den besten Marketinginstrumenten gehört, liegen so viele Coaching-Ratgeber in den Auslagen, dass sich die Spreu nicht einfach vom Weizen trennen lässt. Obwohl "Mythos Coaching" auf die kritische Stimme von außen verzichtet, haben mich die meisten der aufgenommenen Beiträge überzeugt. Im Mittelpunkt stehen vor allem systemische Ansätze, so dass die Anhänger von Ratgebern, Typus "In sieben einfachen Schritten zum Erfolg", nicht auf ihre Rechnung kommen. Gerade weil sich zeigte, dass der Besuch von Guru-Auftritten und Wochenendseminaren keine nachhaltigen Wirkungen zeigen, nimmt der Bedarf nach professionellem Coaching zu. In diesem Buch steht unter anderem, worauf man bei der Auswahl achten muss.