Entmystifizierung der Begabung
'Was braucht es wirklich, um die eigenen Fähigkeiten im Leben umzusetzen?' Mit dieser scheinbar harmlosen Fragestellung eröffnet Ulrike Stedtnitz in ihrem neuen Buch auf beruhigende Weise ihre Argumentation um die Tatsache, dass jeder Fähigkeiten hat und es trotz vielfach gegenteiliger Eindrücke im Leben eigentlich weniger um Wettbewerb denn um Entwicklung dessen, was man ist und sein will, geht und gehen sollte.
Also eine 'Anleitung zum Glücklichsein'? Das wohl nicht ' aber sicherlich eine 'Anleitung,' die eigenen Wahrnehmungen und damit verbundenen Möglichkeiten ernst zu nehmen und sich ein gutes Stück auf sich selbst zu verlassen. 'Vielen Eltern scheint klar zu sein, wie Erfolg grundsätzlich für ihre Kinder aussehen müsste' 'wird eine weit verbreitete Haltung, in der die Eltern zumeist mehr gemeint sind als die Kinder, kritisch hinterfragt. Indem Begabung und Hochbegabung aus verschiedenen Blickwinkeln 'angeleuchtet' wird, die gängigen Theorien knapp und übersichtlich dargestellt werden, entsteht beim Leser emotionaler Raum für eine eigene Sicht, ein eigenes Erleben.
Ähnlich wie im letzten Buch von Ulrike Stedtnitz 'Sprenge den Rahmen' hat die 'Technik' eines interaktiven Ratgebers in die Arbeit Eingang gefunden und ermöglicht so, mit der zugewandten und 'animahaften' Seite der Autorin in Kontakt zu kommen, sich gewissermassen mit ihr ins Gespräch über das eigene Erleben zu begeben. Bestärkung in der Berechtigung einer freien und selbstbestimmten Wahl von 'Lern- und Leistungsumgebung' kann durchaus auch als belebende Alternative zur gegenwärtigen Entwicklung des Arbeitsmarktes mit all seinen Mechanismen der Ausgrenzung und Bewertung gesehen werden. Die '3 Ringe' (Renzulli) laden Menschen ein, in sich hineinzuhören, an sich zu glauben und aus dem etwas zu machen, was man ist, anstelle in chronischer Selbstentwertung zu verharren, die vielfach aus einer am 'Sieg' orientierten Lebensauffassung resultiert! In diesem Sinne ist das Buch auch ein sehr politisches: Es lädt ein, macht Lust darauf, in Kenntnis bestehender Modelle, diese auch zu relativeren und sich den eigenen Weg zu suchen, nicht, um Leistung zu bringen, sondern um die Lebensfreude, die mit Leistung verbunden ist, zu erfahren. Leistung - nicht als abstrakter Wert verstanden sondern als Ausdruck eines 'Erreicht Seins' - beinhaltet in der Darstellung von Ulrike Stednitz Sinnhaftigkeit und Erfüllung und nicht abrufbare narzisstische Bestätigung.
Daniel Helmrich, lic.phil.I