Ich hatte das Buch bei einem Rest-Seller bestellt. Geleitet wurde ich dabei vor allem vom Titel und dem Cover. Daraus folgte für mich die Erwartung, ein japanisches Märchenbuch zu kaufen. Ob ich bei der Bestellung den Klappentext lesen konnte, weiß ich nicht mehr. Zwar wird dort auch von "kraftvoller Sprache" gesprochen, dann aber folgt der entscheidende Hinweis, dass einige Urmythen in diesem Band analysiert und interpretiert werdne.
D.h. ganz konkret, das Buch ist kein Märchenbuch. Es ist eine wissenschaftliche Abhandlung, in der die Urmythen auseinandergepflückt und auch in ihrem historischen Kontext gedeutet werden. Als solches ist es sicher für Studierende relevanter Fächer und alle anderen, die man getrost als "harten Kern" bezeichnen kann, interessant. Es werden die beiden Hauptquellen aus dem 8 Jhdt. herangezogen und sowohl im Kontext der damaligen politischen Situation als auch evtl. später erfolgter Nachdeutungen analyisert. Dabei werden die beiden Quellen gegenübergestellt und die Unterschiede aufgelistet (auch wieder im soziopolitischen Zusammenhang). Das ist übersichtlich und gut aufgebaut.
Ich bin nun zwar akademisch durchaus nicht unbefleckt und kann mit solchen Texten umgehen, meine Erwartungshaltung war jedoch eine sprachlich modern aufbereitete Fassung klassischer japanischer Märchen. Da diese Erwartung definitiv nicht erfüllt wurde, und ich immer noch denke, dem Buch sieht man seinen wahren Charakter nicht an, kann ich dem Buch als solches definitiv keine starke Wertung geben. Zerreißen will es allerdings auch nicht, da es ja grundsätzlich ein gutes Buch in seiner relevanten Nische ist. Ich selber bin jetzt ungefähr in der Mitte angekommen und erhalte trotz allem einen groben Überblick über die japanischen Märchen. Die altertümliche Schreibweise (in der u.a. massig Namen aufgeführt werden, die mehr einer Genealogie oder Zahlenmystik dienen und später nie wieder auftauchen) macht es zwar nicth leicht zu lesen und erinnert an alte Bibeltexte (A war der Vater von B, der der Vater von C war, der der...), hat auf der anderen Seite aber seinen eigenen schweren Reiz. Insofern entscheide ich mich für drei Sterne.
FAZIT: Wer ein Märchenbuch zum schmökern oder gar als Gutenachtgeschichte sucht, wird hier nicht fündig. Die Mythen des alten Japans ist ein Wissenschaftsbuch, das eigentlich Vorkenntnisse voraussetzt (allein, um die zahlreichen Namen auseianderhalten zu können). Erstere werden sehr enttäuscht sein von dem Buch (1 Stern), letztere einen hohen Nutzen haben (5 Sterne). Im Schnitt drei Sterne. Allerdings muss man sich darüber klar sein, dass so ermittelte drei Sterne natürlich wenig Aussagekraft haben. Für eine vieleicht irgendwann kommende Neuauflage würde ich mir wünschen, den wisschenschaftlichen Charakter des Buches ganz deutlich darzustellen.