Heiner Flassbeck erklärt und entzaubert in diesem extrem kurzen und preiswerten Buch die wichtigsten "Mythen" der aktuellen Krise. Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen, aber man sollte auch wissen: Wer zu diesem Thema sonst die FAZ, ZEIT, Süddeutsche, Welt, Spiegel, Focus usw. liest wird sich die Augen reiben.
Der naheliegende Einwand ist natürlich, wie das sein kann, dass dieser Herr Flassbeck recht hat und 95% unserer Journalisten (und Politiker) daneben liegen. Das ist in der Tat unglaublich, aber wer sich auf die logische Argumentation von Heiner Flassbeck einlässt, kommt an den Punkt, dass er besser durchschaut, was an der Standardargumentation schief läuft.
Ein Beispiel: Kolja Rudzio (ZEIT, 26.1.2012) schreibt, die niedrigen deutschen Lohnkosten seien nicht der Grund für die deutschen Exportüberschüsse, sondern die Qualität der Produkte, die "hochwertigen Autos und Maschinen" seien der entscheidende Faktor für die bessere deutsche Wettbewerbsfähigkeit gewesen. Klingt erstmal logisch, aber bei Heiner Flassbeck sieht man in den Grafiken, dass es auf die gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten ankommt, und die haben sich über alle Branchen zusammen seit über 10 Jahren extrem niedrig entwickelt, anders als in fast allen übrigen Euro-Ländern. Der entscheidende Punkt, den der ZEIT-Autor unterschlägt, ist: Wenn die Deutschen bei der Qualität und der Produktivität tatsächlich etwas leisten, dann muss sich das im Lohnwachstum entsprechend niederschlagen. Tut es das nicht (und alles, was die Politik seit Gerhard Schröders Agenda 2010 getan hat, setzt auf ein möglichst niedriges Wachstum der Löhne), unterbieten wir unsere europäischen Partner immer mehr und werden in unserer Wettbewerbsposition immer stärker. Zu glauben, das könne noch viele Jahre so weiter gehen, und die deutschen Handelspartner könnten mit beständig negativen Leistungsbilanzsalden ihre gesamtwirtschaftlichen Verbindlichkeiten gegenüber uns immer weiter erhöhen, ist aber naiv, und Heiner Flassbeck zeigt das auf.
Das Buch lohnt sich auch deshalb zu lesen, weil man ein paar Vorurteile abbauen kann: "Keynesianismus" zum Beispiel (so wie Heiner Flassbeck ihn versteht) ist kein Freibrief für sinnloses Geldverschwenden und Inflationsraten von mindestens 20%. Sondern es geht darum, den Unterschied zwischen einzelwirtschaftlichem und gesamtwirtschaftlichem Denken so zu verstehen, dass es für unsere Gesellschaft den meisten Nutzen bringt. Dazu braucht man nicht mehr als drei Dinge: Erstens alte und falsche Glaubenssätze ("Guthaben sind gut, Schulden sind schlecht") über Bord werfen, zweitens eine logische und keine ideologische Vorgehensweise und drittens ein klarer Blick auf die Zahlen und Fakten.
Und der klare Blick auf die Zahlen und Fakten sollte uns nicht zuletzt lehren, dass der bisherige politische Umgang mit der Krise uns tiefer in sie hinein geführt hat, statt zur Lösung beizutragen. Wir sind aktuell (Februar 2012) auf dem besten Weg, die Fehler von Heinrich Brüning in den 30er Jahren zu wiederholen.