Barthes beabsichtigt in der vorliegenden Monographie zugleich eine auf die Sprache der sogenannten Massenkultur gerichtete Ideologiekritik und eine semiologische Demontage dieser Sprache. Seine Methoden sind die des Strukturalismus, der Semiotik und der Dekonstruktion.
Dabei legt er einen sehr weiten Mythos-Begriff zugrunde: Ganz allgemein ist der Mythos eine Rede, ein Kommunikationssystem, eine Botschaft, eine Weise des Bedeutens, eine Form. Alles, was in einen Diskurs eingeht, kann Mythos werden: Sprache, Photographie, Gemälde, Plakat, Ritus, Objekt. Strukturell handelt es sich um ein sekundäres semiologisches System. Der Mythos umfaßt also zwei semiologische Systeme: die Objektsprache und die zweite Sprache, die Metasprache des Mythos selbst. In Barthes' semiologischem System verbinden sich das Bedeutende (Signifikant) mit dem Bedeuteten (Signifikat) zum Zeichen. Der dritte Term der Objektsprache, das Zeichen, wird zum bloßen Signifikanten des Mythos. Dieser verbindet sich mit einem Signifikat (Begriff) erneut zu einem dritten Term, der im Mythos Bedeutung heißt.
Nach Barthes hat der Mythos eine Doppelfunktion: Er bezeichnet und deutet an, er gibt zu verstehen und schreibt vor. Das im Mythos enthaltene Wissen ist wirr, es besteht aus unscharfen, unbegrenzten Assoziationen. Im Mythos kann sich ein Begriff über einen sehr großen Bereich von Signifikanten erstrecken, aber er verbirgt nichts. Seine Funktion ist es, zu deformieren, nicht verschwinden zu lassen. Im Mythos deformiert der Begriff den Sinn, transformiert ihn in Gesten, in eine Form. Barthes Hauptkritik richtet sich gegen die Funktion des Mythos als entpolitisierter Rede. Die Welt liefert dem Mythos ein historisch Reales, und der Mythos gibt ein natürliches Bild dieses Realen zurück. Es ist der Verlust der Historizität der Dinge, der den Mythos ausmacht! Der eigentliche Zweck der Mythen ist es, die Welt unveränderlich zu machen!
Kurz: "Mythen" sind für Barthes "massenpsychologisch wirksame Vorstellungen". Betonen wir dagegen (etwa mit Bronislav Malinowski) den normativen Charakter von Mythen, dann handelt es sich bei den von Barthes untersuchten Phänomenen nicht um Mythen, denn sie sind nicht verbindlich und können zurückgewiesen werden, ohne daß der Ausschluß aus der Gemeinschaft befürchtet werden muß. Sie sind nur Zeichensysteme zur Wirklichkeitsbewältigung. Ihren interessengeleiteten Manipulationscharakter aufzuzeigen, wie Barthes dies in mehr als fünfzig Einzelfällen tut, bleibt durchaus verdienstvoll. Doch leider kultiviert er dabei penetrant die Attitüde des Ressentiments gegenüber dem "Kleinbürgertum", was seine wissenschaftliche Reputation beschädigt. Zusätzlich beeinträchtigt ein schwer zugänglicher Stil die Lesbarkeit des Werkes. Insgesamt enttäuschend!
Für eine Auseinandersetzung mit dem Mythos empfehle ich besonders: HÜBNER, Kurt: "Die Wahrheit des Mythos" (1985) und ELIADE, Mircea: "Mythos und Wirklichkeit" (1988, 1963¹). Empfehlenswerte metatheoretische Arbeiten sind: JAMME, Christoph: "Gott an hat ein Gewand. Grenzen und Perspektiven philosophischer Mythos-Theorien der Gegenwart" (1991); GRABNER-HAIDER, Anton: "Strukturen des Mythos. Theorie einer Lebenswelt" (1989) sowie GEYER, Carl-Friedrich: "Mythos - Formen, Beispiele, Deutungen" (1996). Eine Ideologiekritische Weltanschauungsanalyse findet sich z.B. bei: TOPITSCH, Ernst: "Erkenntnis und Illusion. Grundstrukturen unserer Weltauffassung" (1988²), eine evolutionäre Erkenntnislehre z.B. bei: EIBL, Karl: "Animal Poeta. Bausteine der biologischen Kultur- und Literaturtheorie" (2004) Sämtliche Werke sind den Bemühungen von Roland Barthes um Größenordnungen überlegen!