Es gibt nur wenige Sachbücher, die nach fünfzig Jahren noch aktuell und kaufenswert sind. Roland Barthes' "Mythen des Alltags" ist eines davon. Aus Angst, das Kleinod nicht mehr zurück zu bekommen, habe ich mein Exemplar nicht oder nur gegen ein Depot in Millionenhöhe ausgeliehen. Jetzt habe ich zwar den Status eines Exklusivverwalters verloren, dafür hat die Soziologen- und Semiotikerwelt ein wichtiges Buch wieder gewonnen. Was ist denn so toll an diesen 150 Seiten? Aus heutiger Sicht vor allem die Beispiele. Keiner hat klüger und unterhaltender über Einsteins Gehirn, blutige Steaks oder Strip-tease geschrieben als der verstorbene Roland Barthes. Und nur wenige haben so viel dazu beigetragen, dass der Alltag ins Blickfeld der Soziologen geriet, wie Roland Barthes. Jedes seiner Beispiele ist ein kleines Kunstwerk. Das Erstaunliche ist aber, dass auch vieles von seiner Theorie noch Gültigkeit hat. Klar, entwickelte sich auch die Semiotik weiter. Klar, trägt die Neurologie zur Wahrnehmung von Symbolen Neues bei. Doch ersetzt man einige Begriffe und reichert seine Thesen mit Zeigemässem an, so sind auch die 65 Seiten Theorie noch immer erhellender als vieles, das seine Berufskollegen in den letzten Jahrzehnten ausgeheckt haben. Ein Klassiker, der sogar weit weniger kostet als Barthes' berühmt gewordenes Steak.