Zeljko Schreiners Tarotbuch hebt sich sehr stark von den meisten anderen ab, die mir bislang untergekommen sind. Man merkt sofort, dass der Autor aus der praktischen Wahrsagung kommt und sonst mit den Kipperkarten arbeitet. Seine Tarotdeutungen haben nichts mit den psychologischen, symboldeutenden oder esoterischen Erklärungen zu tun, die man in den meisten Büchern findet, sondern bieten handfeste und aussagekräftige Stichworte für den Alltag, wie ich sie in neueren Büchern bisher nur bei Renate Anraths ähnlich anschaulich gefunden habe.
Diesen Erklärungen merkt man an, dass der Verfasser sich nicht aus der bestehenden Tarotliteratur und -tradition bedient, sondern seine ganz eigenen Deutungen entwickelt hat, die oft im Widerspruch zu anderen Quellen stehen. So ist das Rad des Schicksals für ihn kein Glücksrad, sondern eine Unglückskarte, die einen Unfall anzeigen kann; der "Mond" bedeutet Zorn und Wut, die "Mäßigkeit" Langeweile.
Alle Aussagungen sind anschaulich, alltags- und praxisbezogen, mit Schwerpunkt Beruf, Liebe, Geld.
"Hohepriesterin" und "Magier" sind weibliche und männliche Hauptperson, "Herrscher" und "Herrscherin" sind die Eltern, der "Narr" das Kind, der "Eremit" der Großvater oder ein alter Mann. Alle Könige und Königinnen sind weitere Personenkarten, Buben und Ritter hingegen nicht. Kelch-Ass ist eine Party, Münz-Sechs ist die Bedeutung "Kartenlegen" zugeordnet, Münz-Zehn bedeutet eine Menschenmenge, Schwert-Königin eine Rechtsanwältin, Stab-Vier den Feierabend, Münz-Fünf Depressionen., der Hierophant "Freundschaft".
Schreiner stellt nur drei Legesysteme vor, darunter das altbekannte Keltische Kreuz und die "Astrologische Häuser"-Legung, diese sind aber durch ganz viele Beispiele aus der Praxis ungewöhnlich gut erläutert.
Auffällig ist, dass Schreiner die im Waite-Tarot übliche Zuordnung der Farben Stäbe und Schwerter zu den Elementen Feuer und Luft vertauscht hat. Das ist zwar logisch nachvollziehbar (Schwerter werden mit Hilfe von Feuer geschmiedet, Holz wächst Richtung Himmel und entspricht in der chinesischen Elementenlehre auch dem Wind. Die Stäbe sind eine fröhliche Serie, die Reihe von Bedrückungen auf den Schwertern passt nicht gut zur astrologischen Bedeutung von "Luft"), aber es widerspricht offen den Rider-Waite-Abbildungen, wo man auf den Schwertkarten ja Sturmwolken, Vögel, Schmetterlinge sieht, auf den Stäben Wüstenlandschaften, Salamander und Löwen.
Völlig verfehlt ist die Beschreibung des Asses der Kelche, das ja klar den Heiligen Geist mit einer Hostie zeigt. Schreiner spricht aber davon, dass die Taube eine Münze (!) im Kelch reinigen (!) will. Seine Kartenbeschreibungen sind meist verzichtbar, da sie nur das Offensichtliche beschreiben, das Wissen über die okkulte Golden-Dawn-Symbolik ihm aber völlig fehlt.
Ein gutes Buch für jemanden, der die Tarotkarten vorrangig für die Erforschung der Zukunft benützen will und sonst mit Kipper-, Lenormand- oder Zigeunerkarten arbeitet; ein ungeeignetes für Leute, die Tarot zur Selbsterfahrung oder zum spirituellen Wachstum gebrauchen wollen. Ausgezeichnet geeignet für Anfänger!
Ärgerlich sind viele Tipp- und Rechtschreibfehler, offenbar wurde das Buch nur flüchtig korrekturgelesen.