Was Sufismus ist kann auch Annemarie Schimmel nicht erklären, aber sie nähert sich dem Thema auf mannigfache Weise an: Sie beschreibt die Stufen, die der islamischen Mystiker durchläuft, um Vollkommenheit zu erlangen, beschreibt das Leben in den ersten Sufiorden, stellt Gedichte berühmter Sufidichter vor, erzählt aus den Viten grosser Heiliger u.s.w.
Dabei umfassen ihre Schilderungen einen Zeitraum von vielen Jahrhunderten und einen geographischen Raum, der immerhin von Andalusien bis Indien reicht. Ihre Beschreibungen sind aber so konzise und kenntnissreich, dass bei aller Vielfalt der Zusammenhang erhalten bleibt.
Frau Schimmel beweist überhaupt ein stupendes kulturhistorisches und kulturgeographisches Wissen. Sie hat hervorragende Kenntnisse der orientalischen Sprachen, wie ihre beredten und genauen Begriffserklärungen aus dem Arabischen und ihre Nachdichtungen aus verschiedenen anderen Sprachen belegen.
Die Autorin legt den Schwerpunkt auf den künstlerischen Aspekt des Sufismus, und das ist dem Thema angemessen. Die islamischen Mystiker selbst haben sich ja bevorzugt mit dem Mittel der Dichtung und Prosa ausgedrückt.
Darüberhinaus hat die Autorin das Talent auch für den Laien verständlich und interessant zu schreiben. So ist ihr Buch nicht nur für den Studenten der jeweiligen Fachrichtung, sondern auch für die breite Öffentlichkeit lesenswert.
Obwohl die Autorin bekannterweise ein grosser Freund der orientalischen Völker ist, hat sie sich auch in diesem Werk eine kritische Haltung bewahrt. So beschreibt sie an einer Stelle wie die Vorsteher einiger Orden ihre Position nutzten, um sich selbst zu bereichern, ein Phänomen,dass man ja auch aus dem Christentum kennt.
Fazit: Wer sich für den Orient interessiert, sollte dieses Buch unbedingt lesen.