Jimmy, Dave und Sean waren Sandkastenfreunde im rauen und trostlosen irischen Arbeiterviertel Bostons - bis zum Tag, an dem Dave ein schreckliches Erlebnis widerfährt. 25 Jahre später führt sie der brutale Mord an Jimmys über alles geliebten 19-jährgen Tochter Katie wieder zusammen. Doch jetzt stehen sie auf verschiedenen Seiten des Gesetzes, und ihre unterschiedliche Vergangenheit verlangt unvermittelt Zutritt in die Gegenwart. Sean, nun Polizist, übernimmt die Ermittlungen. Als er auf einige Ungereimtheiten stösst, ist er bald auch als Freund gefragt. Er muss Jimmy, den Ex-Ganoven, von seinen Rachegelüsten abbringen, den Mörder verschwinden zu lassen, als hätte dieser nie existiert. Dabei deuten die Indizien rasch auf den naiv wirkenden Dave, der sich nicht nur äusserst verdächtig verhält, sondern für die Tatzeit auch kein Alibi vorweisen kann.
Fazit: Dies ist kein Actionkracher. Äussere Ereignisse sind sekundär. Dafür kehrt Lehane das Innenleben seiner Akteure nach aussen. Seine Figuren sind unglaublich sensibel und mit psychologisch äusserst nuancierter Handschrift gezeichnet. Da gibt's keine platten Charaktere, sondern ausschliesslich Menschen aus Fleisch und Blut. Sean ist der ruhige, praktische, gewissenhafte und ehrgeizige Polizist, der sich immer häufiger nach dem Sinn seines Jobs mit den ständigen Wiederholungen fragt, und dessen Ehe einem erloschenen Licht gleicht. Jimmy ist der tollkühle, aber reservierte, wortkarge Ex-Bandenchef, dessen Gesicht ungestüme Einsamkeit ausstrahlt. Der verschlossene Dave gibt den schwächlichen Ehemann und ewigen Verlierer ab. Seit seinem Kindheitsdrama traumatisiert, wandelt er voller Ängste und Komplexe durch den Tag und versteckt sich hinter Lügen. Eine ständige Aura von Geheimnissen und Fremdheit scheint ihn zu umgeben.
Fantastische Milieuschilderungen und intelligente Dialoge verleihen diesem düsteren Psycho-Thriller über Gewalt und Vergeltung, Familienbande und Klassenunterschiede, Freundschaften und gescheiterte Beziehungen eine ausserordentlich dichte und authentische Atmosphäre. Zusätzlich schleicht eine unheimliche, hinterhältige Gewissheit für das Unheil durch die ganze Handlung. Lehanes genuine Erzählkunst lässt ständig neue emotionsgeladene, atmosphärische Bilder vor den Augen des Lesers entstehen. Die aus jedem Kapitel durchsickernde Trostlosigkeit macht "Mystic River/Spur der Wölfe" zu einem ausserordentlich deprimierenden Roman.
Lehane stellt in seinem Roman, dessen Schluss alles andere als ein Happy End ist, die Frage nach dem Wert von Moral und Gerechtigkeit. Die Antwort ist dem Leser überlassen.
Es erstaunt mich sehr, dass für solch ein bemerkenswertes Buch nicht mehr Rezensionen vorliegen.
Die Verfilmung brachte Clint Eastwood zwei Oscars ein.