Es ist ein gutes Zeichen, wenn man nach 108 Seiten das Gefühl hat, man habe ein drei Mal so dickes Buch gelesen. Den beiden Autoren ist es also gelungen, ihr grosses Wissen, unzählige Beispiele und Anregungen so kompakt zu verpacken, dass ich es als Leser kaum merkte. Kommt selten vor. Dafür merkte ich, dass Deckers und Heinemann das Mystery Shopping viel weiter fassen, als ich es gewohnt bin. Das mag durchaus eigennützige Gründe haben, sind doch solche Ratgeberbücher auch Marketinginstrumente für die eigenen Unternehmen. Wenn aber die Eigenwerbung so unaufdringlich wie hier daherkommt, stört dies wohl kaum jemanden.
Dem üblichen Dramenaufbau folgend, wird der Leser zuerst daran erinnert, dass die sieben fetten Jahre vorbei sind, professionelle Kundenbearbeitung überlebenswichtig ist und schwarze Schafe die weissen auszurotten drohen. Doch kurz vor der Apokalypse treten die Helden auf die Bühne, die Mystery Shopper. Wir erfahren, wer sie engagierte, was sie so treiben, welche Charaktereigenschaften von ihnen verlangt werden, wo und wie sie sich für ihren Auftritt vorbereiten, wie sie unter ihrem schlechten Image leiden und was sie dagegen tun. Im Scheinwerferlicht stehen aber vor allem ihre Taten. Sie prüfen Ladengestaltungen und Kundenservice, geben Inputs für Verbesserungen und motiviertere Mitarbeiter, helfen beim Gestalten von Prozessen und Optimieren der Angebotspalette und sitzen manchmal sogar im Cockpit der Unternehmenssteuerung.
Mir hat der Panoramablick gefallen. Denn ich teile die Ansicht, dass durch aufmerksames Beobachten die entscheidenden Verhaltensmuster eher entdeckt werden als durch die üblichen Bombardemente mit ausgeklügelten oder dümmlichen Fragebogen. Aber ich vermisste einige Konsequenzen dieses Ansatzes. Wenn vom geübten Auge die Rede ist, so möchte ich genauer wissen, was die Autoren darunter verstehen. Wenn Einkaufssituationen stark von Emotionen geprägt sind, möchte ich mehr über die Brillen erfahren, durch die sie sichtbar werden. Wenn die Kostenfrage so zentral ist, möchte ich klare Hinweise auf die Bezahlung guter Beobachter haben. Kurz: An einigen Stellen bleiben die Autoren trotz ihrer modernen Glaubensauffassungen dem alten Denken des rationalen Menschen treu. Das mag aus unternehmerischer Sicht verständlich sein, schade finde ich es trotzdem.
Mein Fazit: Auf den 108 Seiten findet der Leser so viel Theorie und Praxis, dass er genügend Material hat, um sich für den Einsatz und die passende Form von Mystery Shopping entscheiden zu können. Und wenn ihm trotzdem etwas fehlen sollte, so sind andere Wege vorgezeichnet und weiterführende Literaturangaben angegeben.