Dieses Buch liebt man, oder man hasst es... In 52 brillant bösartigen Essays nimmt sich Tom Reynolds seine persönlichen Worst-ofs der Pop-Geschichte zur Brust, thematisch sortiert auch noch in Sparten wie "Wenn ich über Drogen singe, wird man mich ernst nehmen", "Grauenhafte Remakes von bereits deprimierenden Songs", "Ich erzähle eine Geschichte, die Keinen interessiert" u.ä. Und kein Genre bleibt unberücksichtigt... Dankbare Sparten wie Trash-Metal und Country bleiben nicht allein, im Gegenteil: Jede Musik hat ihre musikalischen Tiefpunkte, von 1950 bis heute.
Dem Titel zufolge geht es zwar um die deprimierendsten Songs aller Zeiten, aber nach Reynolds' pointierter (und manchmal leider allzu bemüht witziger) Definition, wann ein Song deprimierend ist, geht es wohl eher um grandiose Fehlleistungen der Popgeschichte. Klar spielen die Texte eine Rolle, aber es gibt auch deprimierende Songs mit optimistischem Text. Wichtig ist nämlich vor allem die, öhöm, kongeniale musikalische Umsetzung. Als prägnantes Beispiel nennt der Autor die HTW -- den Hirnerschütternden Tonartwechsel, ein markantes Stilmerkmal etwa der Overkill-Liebesballaden von Celine Dion, Mariah Carey oder Whitney Houston...
In den jeweils 4-6seitigen Abhandlungen erzählt Reynolds allerlei Wissenswertes etwa über die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte eines Songs, eventuelle Remakes oder das weitere Schicksal der Interpreten.
Klar, mit Negativlisten verhält sich's genauso wie mit Top-100-Listen: Man stimmt niemals völlig mit dem Autor überein; die eigene Liste sähe stets ein wenig anders aus. Darum geht's hier aber nicht. Es geht ganz einfach um die destruktive Freude am Fleddern, Rupfen, Zausen, Filetieren, Tranchieren, Giftspritzen, Im-Styx-Ersäufen. Jaaaaaa.... Auch wenn man dem Autor nicht immer zustimmt -- Springsteens "The River" z.B. gehört zu meinen Positiv-Favourites -- man muss lachen beim Lesen, denn die meisten Metzeleien sind ganz einfach geistreich formuliert (und, wie mir scheint, sehr schön ins Deutsche übersetzt von Ilja Braun). Bleiben wir bei "The River" -- Reynolds erzählt den Text nach, würzt ihn mit auserlesen gemeinen Seitenhieben auf Springsteen-Standards. Seinen Bleistift hat er scharf gespitzt, hier sitzt jeder Hieb. Da verrät man gern mal seine Lieblinge, und sei's auch nur für 5 Minuten. Andere prominente Opfer seiner spitzen Feder sind u.a. Hootie & The Blowfish, Emerson Lake & Palmer, Dr. Hook and the Medicine Show, Dan Fogelberg, Nine Inch Nails, Kenny Rogers, Pink Floyd, Whitney Houston... Aber auch wenn man das aktuelle Opfer nicht kennt -- amüsant zu lesen ist's meistens.
Hier erkennt man auch die Adressaten dieses Buches: Sicher, ein wenig Fan sollte man schon sein. Aber vor allem sollte man einen Sinn haben für pointierte Beleidigungen, auch wenn es dann und wann eigene Favoriten trifft. So richtig bierernst kann man Reynolds' Beckmesserstechereien nämlich nicht nehmen.
Nur -- mitunter drückt Reynolds ein wenig zu sehr auf die Instant-Witz-Tube, etwa wenn er einen vermeintlichen weiteren Gag meint einbauen zu müssen, der dann seine ganze Argumentation aus der Kurve katapultiert: Warum beispielsweise klingt ein Gesang so, als wolle der Sänger den Kadaver eines Clydesdale-Pferds stemmen? Witze um jeden Preis verderben den Gesamteindruck leider immer wieder; hier hätte sich Reynolds besser an seine eigene Vorgabe gehalten, derzufolge weniger mehr ist. Hardcore-Death-Metal-Bands (Huch! Wattn Genre!) wirft er z.B. vor, unter Zuhilfenahme von grauenhaften Texten, überproduziertem Sound und allgemeinem Jaulen übers Ziel hinauszuschießen und deswegen nicht mehr ergreifend, sondern nur noch albern zu klingen. Da hat er recht! Allerdings beweist er immer wieder, dass vergleichbare Klopper auch einem Essayisten widerfahren können, der mit allzu vielen Witzen die Pointe erschlägt. Man erkennt solche Passagen schnell am allzu präpotenten Ton und fühlt sich von einem amerikanischen Zwilling Benjamin Stuckrad-Barres belästigt. Aber derlei Ausrutscher bleiben in der Minderheit. Im Großen und Ganzen kann man sich hier viele, viele Anregungen holen, was man seinen handverlesenen Feinden auf die einsame Insel schicken könnte...