Ja, diese frühe Platte von Cat Power (aka Chan Marshall) hat eine zweite Rezension verdient.
Klar, die Kompositionen wirken roh, der Gesang ist fehlerhaft, mitunter schief. "Myra Lee" ist schmerzhaft unbequem im Vergleich zum dem geschmeidigen und ausgereiften Alternative-Country-Sound der neueren Werke, aber: ich kenne nur ganz wenige Platten, die mich so mitnehmen, die so authentisch und so unendlich verzweifelt sind wie "Myra Lee".
"Ah, you'll swim/And I will drink myself to death". Wenn ein Song wie "Ice Water" in solchen Zeilen mündet, dann ist nicht nur die inzwischen trockene Alkoholikerin Chan Marshall ganz unten angekommen. In derartige Tiefen findet man höchstens noch mit Joy Divisions "New Dawn Fades" und "24 Hours" oder mit dem grandiosen "When your number is't up" von Mark Lanegan.
Es gibt Menschen, die ertragen solche sperrigen, zerrissenen und depressiven Scheiben nicht, anderen könnte "Myra Lee" das Leben retten.