Dieses Buch ist der erste von zwei Bänden der Autobiographie des jüngst verstorbenen avantgardistischen Theater-Regisseurs, der mit seiner Familie in der Nazizeit von Deutschland nach England geflohen war und der später in sein Geburtsland zurück kehrte und dort zu grossem Ruhm kam. Die Memoiren wurden ursprünglich auf Band gesprochen, und so hat der Text die Frische und Spontaeität, die Zadek seinen Inszenierungen aufprägte.
Er betrachtete sich, mit einigem Recht und einiger Selbstzufriedenheit, als einen Aussenseiter. Seine Einstellung England gegenüber, dem Land, in das er mit acht Jahren kam und das er mit einunddreissig wieder verliess, war liebevoll aber auch distanziert. Vieles am englischen Leben gefiel ihm; es gab aber auch vieles - nicht nur in Bezug auf das Theater, das sich in jenen Tagen vor Osborne hauptsächlich mit Boulevardstücken beschäftigte - mit dem er sich nicht anfreunden konnte. Man kann sich vorstellen, dass auch Deutschland von ihm manchmal mit scharfen Bemerkungen behandelt wurde.
Seine Kindheit und seine Jugend werden gut beschrieben. Noch deutete nichts darauf hin, dass ihn Theater jemals interessieren würde. Erst an der Universität in Oxford zeichnete sich dieser Hang ab und wurde schliesslich so stark, dass er die Universität ohne Abschluss verliess und zur Schauspielschule des Old Vic wechselte, wo man ihm allerdings schon ein Jahr später riet, sich anderswo auszubilden. Er hatte durch die Inszenierung eines Stückes ausserhalb der Schule gegen die Regeln verstossen und war ausserdem `zu experimentell' bei dem Bühnenbild, dass er als Jahresarbeit vorzulegen hatte. Damals wusste er schon, dass er Regisseur werden wollte und arbeitete hinfort selbständig.
Seine Beschreibungen des Londoner Theaters werden oft zu Exkursen über seine eigene philosophischen Ansichten zur Theaterarbeit. Seine technischen, aber auch seine mehr philosophischen Überlegungen können vielen Menschen, die sich mit solchen Fragen noch nie befasst haben, tiefgreifende Erkenntnisse verschaffen. Es wird klar, dass seine Ideen über die Aufgaben eines Regisseurs ganz eng und direkt mit seiner Person und seinen Bedürfnissen zusammenhängen. Er ist immer offen und, wie mir scheint, auch einsichtig, was seine eigene Person angeht: er sucht immer nach einem Gegner, der vielleicht seine eigenen ungezähmten Vorstellungen etwas eindämmen kann, er braucht und geniesst die Konfrontation. Er wollte dass seine Schauspieler sich selbst suchen sollen (`Theater hat damit zu tun, dass Menschen sich verkleiden, um sich zu finden') und weniger auf seine Anregungen warten; seine Proben waren voller Improvisierungen, je wilder, desto besser.
Seine ersten bedeutenden Inszenierungen - im privaten Rahmen von Clubs, wo die damalige Zensur keinen Zugriff hatte - waren zwei Stücke von Jean Genet, diesem provokatorischem Autor: Die Zofen (1952) und Der Balkon (1957). Beide waren avantgardistisch, nicht aber im Sinne der `Angry Young Men', die 1956 die englische Bühne erstürmten. Diese jungen Leute hatten in ihrer Heimat eine Zukunft, während die Engländer meistens sich für Genet oder Ionescu nicht erwärmten. Zadek erkannte dies schliesslich und nahm eine Einladung aus Deutschland an, dort ein Stück zu inszenieren - der grosse Wendepunkt in seiner Karriere.
Im Deutschland der Nachkriegszeit fühlte er sich bald "wie zu Hause", freier und selbstsicherer als er es in England je gewesen war. Hinzu kam, dass die Deutschen den heimgekehrten Juden mit besonderer Achtung umgaben - ganz, zu seinem Gefallen, im Gegensatz zu dem Snobismus und zu der Arroganz, die er immer in der englischen Gesellschaft verspürt hatte. Und nur als Jude im Nachkriegsdeutschland konnte er es wagen, den "Kaufmann von Venedig" zu inszenieren, gleich vier verschiedene Male und zum Unbehagen seiner Besetzungen, mit Shylock als echtem Schurken und ohne die mildernden Umstände, die Noblesse, die ihm die meisten holocaustbewussten Inszenierungen zuerkennen wollen.
Es entspricht natürlich irgendwie seiner Psychologie, dass er sich gedrängt fühlte, dieses Stück in diesem Land und in dieser Weise so oft auf die Bühne zu bringen. Ähnlich provokant zeigt er sich in der einzigen seiner Produktionen, die sich explizit mit Politik befasste, einem Film über die bayrische Räterepublik vom April 1919 - vom Standpunkt der Nazis aus gesehen!
Das deutsche Theater erschien ihm stärker an ernsthaften Dingen interessiert zu sein als das britische, und daher neuartigen Ideen gegenüber auch aufgeschlossener. Diese Ernsthaftigkeit führte er auf die Wurzeln des deutschen Theaters zurück, die für ihn zu den Universitäten führen, während sie in England im Zirkus beginnen. Deutsche Kritiker mussten ihre Besprechungen nicht in einem Kraftakt in der Nacht nach der Premiere erstellen, sondern konnten auch noch einen oder zwei Tage später dann besser durchdachte und gründlichere Texte veröffentlichen. Das deutsche Theaterleben war intensiver; es bekam Zuschüsse und war somit weniger kommerziell orientiert; es war breiter gestreut und nicht so stark auf eine Hauptstadt ausgerichtet; die Schauspieler hatten zumeist Jahresverträge; die Probezeiten waren weniger eng und die Proberäume besser, die technischen Bühneneinrichtungen waren moderner als in England; die Regisseure wurden von allerlei Assitenten unterstützt. Dagegen war der deutsche Stil deklamatorischer, weniger psychologisch subtil, und die Schauspieler erwarteten mehr Anleitung vom Regisseur - genau das Gegenteil von Zadeks Einstellung.
Mich fesselte besonders die erste Hälfte des Buches. Die zweite Hälfte, nachdem Zadek dann 1962 als Regisseur von Ulm nach Bremen umgesiedelt war, bringt weniger interessante Gedanken zum Theater allgemein. Sie beschreibt mehr die Menschen, mit denen er zu tun hatte, obwohl dies natürlich Leser, die solche Einzelheiten suchen, durchaus ansprechen dürfte. In jener Zeit sprachen Kritiker dann allmählich vom "Bremer Stil". Zadeks Inszenierungen, auch der Klassiker, waren ohne Zweifel revolutionär und meist provozierend im Bühnenbild, in der Konzeption der Stücke und in den Darstellungen der Schauspieler. Das Buch beschreibt die beiden letzteren Aspekte nicht so genau, wie ich mir das gewünscht hätte.
Auf den letzten Seiten vermittelt uns das Buch eine glanzvolle Beschreibung der Umwälzungen in Deutschland im Jahre 1968 und dessen, was Zadek - aufreissend wie immer - in zwei damaligen Fernsehfilmen dazu zu sagen hatte.