Aus der Amazon.de-Redaktion
Dennoch sind die Lebensstationen des Theatermachers unbedingt lesenswert. Trotz des Kantinentons ist My Way von genau der humorvollen Art, mit der Zadek auch das Nachkriegstheater veränderte. Schon sein erster Theaterauftritt als Kapitän Hook in Peter Pan, der im Eklat endete, war nicht ohne Ironie. Als in der Premiere das Krokodil auf die Bühne kam, um Hook zu fressen, verweigerte sich der junge Zadek. Die Aufführung platzte. Dem "180 prozentig anglizierten" deutsch-jüdischen Emigranten aus London ist bei seinen späteren Angriffen auf den drögen Ernst und die gefällige Heiterkeit deutschen Kunsttheaters immer die Position des Außenseiters geblieben, die ihm aber nicht unbedingt unangenehm war. Eines Außenseiters, dem der Mensch in seinen Beziehungen zu seinen "Mitspielern" immer zu interessant erschienen war, als er sich auf Seiten der Ideologie hätte schlagen mögen. (Die Vorwürfe des Kollektivs, sind in der umfangreichen Materialsammlung nachzulesen).
My Way ist eine Sammlung "toller" Zumutungen, legendärer und vergessener Skandale sowie die Dokumentation über einen Menschen, der die Widerstände genutzt hat -- arbeitete er doch am liebsten in einer toleranten Diktatur. Eigentlich wollte er im Theater immer Familien gründen. Dass es damit -- nicht nur mit Heiner Müller -- nicht immer so leicht ist, davon erzählt My Way meisterhaft. --Marcus Welsch -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Neue Zürcher Zeitung
Peter Zadeks Autobiographie, Teil 1
Er ist ein Elefant, Madame, Peter Zadek kann sich an alles erinnern. Für einen Memoirenschreiber ist das eine gute Voraussetzung, aber Zadek ist ein Elefant, Madame, und trottet so vor sich hin. Er fängt einfach vorne an und geht durch seine Weltgeschichte, bis ihn der Lektor nicht mehr lässt. Er rempelt natürlich an, der Elefant, und tritt auch manchem auf den Fuss, Madame; meist macht er wunderbaren Zirkus. Peter Zadeks «My Way», dieser erste Teil der zweibändigen Autobiographie, geht mit seinen rund sechshundert Seiten erheblich aus der Form. Es ist ein gewaltiges Buch, so verwickelt und reich, so bunt wie das Leben selbst oder wie Theater; so albern und banal wie Hamlets Zicken, wenn Zadek zum Beispiel eine halbe Seite lang über seinen Fettbeutel am Nacken sinniert «Es kann natürlich sein, dass in ein paar Jahren Lipomträger als die schönsten Menschen der Welt gelten», hofft er ; so aufregend und persönlich, wenn er von den frühen Skandalerfolgen in Ulm und Bremen erzählt oder von seiner Zusammenarbeit mit dem jungen Bruno Ganz und dem Bühnenbildner Wilfried Minks; nostalgisch in der Erinnerung an seine beschützte Jugend in England, spannend, manchmal auch weise, aber niemals gekünstelt, selten, ganz selten nur langweilig.
Die mitunter auch stilistisch provozierende Direktheit dieser Selbstinszenierung auf grosser Bühne mag zum Teil daran liegen, dass Zadek das Buch nicht geschrieben hat. Er hat es auf Tonband erzählt, und lieber hätte man «My Way» deshalb gleich als Hörbuch gehabt. Das Kichern seiner Tante Kläre wäre vielleicht noch durchgedrungen, das Klappern des selbstgebauten Spielzeugs seines Vaters Paul, die geflüsterten Regieanweisungen der Regisseure Tyrone Guthrie und Glen Byam Shaw, bei denen Zadek zwanzigjährig nach einem Studium in Oxford an der Londoner Old Vic Theatre School zum erstenmal mit dem professionellen Theater in Berührung kam. Doch ohnehin gelingt es Zadek anscheinend mühelos, das Ensemble seines Lebens noch einmal auf die Bühne zu holen und mit grosser Vitalität anekdotisch ins Spiel zu bringen.
Vergessene wie Einsteins Geliebte haben ihren kurzen Auftritt «Ich geh mal ein bisschen rechnen», mit dieser Bemerkung, erzählt sie, habe sich der Physiker zurückgezogen, wenn seine Frau ihm auf die Nerven fiel oder erst später zu Ruhm Gekommene wie der junge Richard Burton höchstpersönlich, neben dem Zadek 1944 in Shakespeares «Measure for Measure» agiert. In Paris sitzt er bei dem legendären Regisseur und Bühnenbildner Gordon Craig auf Stapeln von Büchern ein Bild wie viele andere auch, das man bereits aus Zadeks 1990 erschienenem Theaterbuch «Das wilde Ufer» kennt, dort aber in anderen Farben, in anderer Inszenierung gesehen hat; Ende der fünfziger Jahre holt der Intendant Kurt Hübner ihn in die deutsche Provinz nach Ulm. Allein der Reichtum an derart vielfältigen, zum Teil sehr berühmten oder nur absurden, sehr liebenswerten oder schon etwas abgetakelten Nebendarstellern das Aufgebot reicht von Klaus Kinski bis zu Jürgen Flimm, dem Zadek bei einem aside über dessen «gemütlichen Servicebetrieb» am Hamburger Thalia-Theater nur en passant auf die Schuler klopft macht «My Way» zu einer glänzenden Revue.
Doch das Buch erschöpft sich nicht im Rummel um diese Namen. Die vielen Gesichter verschmelzen vielmehr zu einem Porträt ihrer Zeit, erzählen Zeitgeschichte und Theatergeschichte. «My Way» führt aus der Berliner Kindheit in die englische Emigration, von der lähmenden Bedeutungsschwere des deutschen Nachkriegstheaters bis zu der Respektlosigkeit und Experimentierfreude, mit der Peter Zadek seit den sechziger Jahren das Theater neu belebt. Von den ebenfalls jüdischen Nachbarn, die denunziert wurden, weil sie angeblich nachts mit einem Maschinengewehr übten und doch in Wirklichkeit mit einer Schreibmaschine nur Adressen tippten, bis zu dem hingeschmierten Hakenkreuz an der Mauer des Bremer Senatsgebäudes, das in Zadeks zeitkritischem Filmspektakel «Ich bin ein Elefant, Madame» (1968) bei seiner Entdeckung hysterische Empörung auslöst.
Die grosszügigen Einblicke, welche Zadek seinem Publikum hinter die Kulissen seiner Arbeit gewährt, machen «My Way» trotz manchen die Geduld strapazierenden Ausschweifungen zu einer fesselnden Lektüre. Die gelegentlichen Ausblicke auf die Jahre in Bochum und Hamburg, sogar auf die Salzburger «Mahagonny»-Inszenierung dieses Jahres wecken hingegen bereits Neugierde auf die Fortsetzung der Autobiographie.
Thomas David -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.