Werner Herzogs berühmte Filme drehten sich alle um ungewöhnliche Menschen, deren fragiler seelischer Zustand meist im Wahnsinn endete. Diese Tradition führt nun auch "My son, My Son, What Have Ye Done?" weiter, wo die Titelrolle problemlos auch von einem jungen Kinski gespielt werden hätte können. Der Film überzeugt durch eine interessante Erzählstruktur und auf unheimliche Weise mysteriöse Bilder. Es entsteht ein faszinierendes Psychogram eines unsicheren Menschen, der sich immer mehr in seine seltsame Vorstellungswelt hineinsteigert und den Bezug zur Realität verliert. Trotz der düsteren Atmosphäre steht jedoch nicht Horror in Vordergrund, sondern das Nachdenken über die Gründe für einen Mord.
Der Film beginnt damit, dass Detective Havenhurst (Willem Dafoe) zu einem Einsatz gerufen wird, wo der Schauspieler Brad (Michael Shannon) gerade seine Mutter mit einem Schwert umgebracht hat und sich anschließend mit Geiseln im Nachbarhaus eingeschlossen hat. Durch Gespräche mit seiner Verlobten und einem Theaterregisseur erfährt der Detective Schritt für Schritt mehr über das unheimliche Verhalten Brads, der vor kurzem noch für die Rolle des Orest in einem griechischen Drama probte. Doch anstatt in dem Stück tatsächlich aufzutreten, entschloss er sich, den dort vorkommenden Muttermord in seinem echten Leben auszuführen..
Das interessante an der Geschichte ist sicherlich, dass man sich Brad zunächst als komplettes Monster vorstellt, da man gleich zu Beginn mit dem grausamen Muttermord konfrontiert wird. Die Rückblenden zeigen aber einen Menschen der keineswegs als Böse bezeichnet werden kann. Brad hat offensichtlich ein ernstes seelisches Problem und sein Umfeld scheitert daran, ihn wieder auf den normalen Weg zurückzuführen. Die Mechanismen von Brads Wahnsinn werden so ausführlich beschrieben, dass man einen echten Einblick in seine Psyche erhält und sich über die seltsame Logik seines Handelns wundert. So zitiert Brad etwa aus dem biblischen Buch Hiob und hat offensichtlich die Idee, dass der Muttermord eine Notwendigkeit ist, so wie in der griechischen Sage, wo Orest seine Mutter umbringt.
Besonderes Lob verdient dieser Film außerdem für eine ausgeklügelte Bildsprache, die mit Slow Motion, Ich-Perspektive, etc. den Wahnsinn sehr gut fühlbar macht. Man hat das Gefühl zu erfahren, wie Brad seine Welt wahrnimmt. Eigentlich Belangloses wie ein Spaziergang im Park erhält eine seltsame Verfremdung und wird damit zu einem Teil des Dramas, das Brad für sich selbst geschrieben hat.
Außerdem faszinierend ist der Einsatz von Musik, die hier manchmal die Bilder noch unterstreicht, oder in anderen Fällen in seltsamen Kontrast zum Geschehen steht.
Ein bisschen schade ist, dass der Film nicht sehr lang ist und ein wenig das Gefühl zurück lässt, dass man vielleicht noch etwas weiter hätte gehen können. Brads Kindheit mit seiner despotischen Mutter, wäre etwa noch eine lohnende Erweiterung gewesen, die der Geschichte noch eine interessante Dimension verpasst hätte. So bleibt "My Son, My Son, What Have Ye Done?" ein sehr guter Film, der allerdings nicht ganz so unvergessliche Szenen wie Fitzcaralldo oder Aquirre enthält. Andererseits sind diese beiden anderen Herzog Werke aber auch wirkliche Meilensteine des Films und ein Vergleich mit ihnen sehr undankbar. Man sollte den neuen Herzog als an sich gelungen betrachten und nicht zu viele Vergleiche ziehen.
Alles in allem jedenfalls eine sehr tolle Leistung von Herzog und seinem Team und wirklich erfrischend anders, als viele andere Filme, die von Mord handeln.
Die DVD bietet eine sehr gute Bildqualität - deutsch und englische Tonspur - ein informatives Audiokommentar mit Herzog (auf englisch) und ein halbstündiges Making Of.