In Deutschland ist es immer noch unüblich, intelligent und mit kritischem Anspruch über Rockmusik zu schreiben. Was im angelsächsischen Sprachraum gang und gäbe ist, zieht in Deutschland wilden Anti-Intellektualismus nach sich, im Netz wie im Feuilleton. Wie absurd das ist, zeigt sich gerade angesichts des neuen Dylanbuches von Richard Klein. Es leistet nicht mehr und nicht weniger als eine Zäsur im Verständnis dieser Jahrhundertfigur. »Akademisch« können das nur diejenigen empfinden, die nicht wissen, was akademisch ist und welcher Fremdkörper ein Thema wie Dylan innerhalb des normalen musikologischen und ästhetischen Schrifttums ist.
Richard Klein schreibt gleichermaßen als enthusiasmierter Fan wie als kritischer Intellektueller. Er tut dies mit literarischem Sprachsinn und großer analytischer Genauigkeit. Auch wenn natürlich nicht jeder Dylananhänger an allem seine Freude haben kann, muß man doch einmal festhalten, mit welchen Neuigkeiten dieses Buch aufwartet. Erstens liefert es eine aufregende Deutung der berühmten 66er Tournee in England, die das Politische von Dylans Schritt zur elektrischen Rockmusik gerade in dem künstlerischen Autonomieanspruch sieht, mit dem dieser Schritt vollzogen wird. Zweitens wagt sich der Autor an eine Kritik offizieller Heiligtümer wie Blood On The Tracks. Man muß damit nicht unbedingt einverstanden sein, aber anmanchen Stellen treffen Kleins Argumente fraglos ins Schwarze. Überhaupt daß argumentiert wird und nicht wilde persönliche Deklarationen das Denken ersetzen, macht das Buch so spannend zu lesen. Für manche mag das freilich nach wie vor kränkend sein. Drittens wird hier zum ersten Mal eine schlüssige Deutung von Dylans Wendung zur Gospelmusik gegeben. Jahrzehntelang ist diese Phase wegen ihrer z.T. sicher sehr problematischen Texte diskriminiert und abgewertet worden. Klein leugnet solche Probleme keienswegs, zeigt aber detailliert, welche künstlerische Explosion in musikalischer und performativer Hinsicht durch Dylans Wendung zum Christentum freigesetzt wurde. Besonders wichtig sind die ausführlichen Kapitel zm »Spätwerk« Dylans, zu den Folk-Alben, zu »Time Out Of Mind« und »Love And Theft«, wie auch zur »Never Ending Tour«, zu der intensive Songanalysen präsentiert werden.
Das eigentliche Zentrum des Buches ist seine »Theorie der narrativen Stimme«. Diese kann man kaum auf dem Klo lesen, man braucht Zeit und Geduld dafür. Wer aber weiß, wie ärmlich die Literatur zum Thema Stimme im deutschen Sprachraum immer noch ist, weiß zu schätzen, was ihm hier an neuen Einsichten geboten wird.